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Königstein : Im Bann der Ballzauberer

  • -Aktualisiert am

Freut sich auf die Brasilianer - und die Touristen: Bürgermeister Siegfried Fricke Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Königstein kleidet sich in Gelb und Grün und huldigt der brasilianischen Nationalmannschaft, die während der WM im Ortsteil Falkenstein wohnt. Für den Weltmeister gibt es sogar eine „Zagallo-Arena“.

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          Ob das zusammenpaßt? Fachwerk und Samba, Kur und Caipirinha, Millionäre und Fußballfans? „Paßt“, sagt Thorsten Becker, der „Leiter des Stabsstelle Brasilien“, wie sich der Ordnungsamtschef des Königsteiner Rathauses schmunzelnd selbst bezeichnet. Seit ein paar Wochen widmet sich der Jurist weniger der öffentlichen Ordnung im Taunus-Kurort, sondern eher der zu erwartenden Unordnung.

          Sie wird kommen. Spätestens am 5. Juni, wenn die Fußball-Nationalmannschaft von Brasilien im Königsteiner Ortsteil Falkenstein Quartier bezieht. Und während im Fünfsterne-Hotel Kempinski das Team von Trainer Carlos Alberto Parreira die schöne Aussicht von der Hotelterasse auf das Rhein-Main-Gebiet genießt befindet sich die Stadt im Bann der Ballzauberer.

          Die können sich auf allerbeste Bedingungen freuen. Wenige Busminuten nebenan befindet sich das Trainingsgelände. Der Sportplatz der Königsteiner Taunusschule ist in dieser Zeit fest in brasilianischer Hand. Wer hofft, dort Ronaldinho oder einend der anderen Stars aus der Selecao beim Training zusehen zu können, dürfte enttäuscht werden. Denn nicht nur der Sportplatz, sondern auch das Hotel werden abgeriegelt sein. Sogar die Einwohner des Ortes Falkenstein brauchen für die brasilianischen Tage eine Durchfahrtserlaubnis, die die an den Einfahrtsschleusen von Sicherheitskräften kontrolliert wird.

          Hier werden die Fußballer verweilen: das Hotel Kempinski
          Hier werden die Fußballer verweilen: das Hotel Kempinski : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          „Größtes Ereignis seit der Schleifung der Burg“

          Etwas privilegierter sind die Schüler der Taunusschule. Manche der Klassenzimmer bieten direkten Blick auf den benachbarten Sportplatz, so daß an geregelten Unterricht während der Trainingszeiten kaum zu denken sein wird. Die Gymnasiasten können sich freuen. Schulfrei, Wandertage, Klassenfahrten - all das haben sie den Brasilianern zu verdanken. Gedulden müssen sich die Abiturienten. Wegen des schulischen Ausnahmezustandes sind die mündlichen Prüfungen verschoben worden.

          Königstein im Taunus ist ein ruhiger Flecken, ein „doppelter Kurort“, wie Ordnungsamtschef Becker sagt, weil Königstein und auch der Ortsteil Falkenstein das Kurprädikat haben. Mit der Ruhe wird es freilich vorbei sein, wenn die Brasilianer kommen. In Königstein, der 18.000 Einwohner zählenden Stadt mit der größten Millionärsdichte in Deutschland (97 von 10.000 steuerpflichtigen Bürgern), hält man sich mit vornehmer Zurückhaltung erst gar nicht auf, wenn es um Fußball, die Weltmeisterschaft und Brasilien geht.

          „Das größte Ereignis seit der Schleifung der Burg Königstein im Jahre 1796“, sagt Becker, stehe bevor. Damals sprengten die Franzosen die über der Stadt thronende Festung. Ganz so schlimm wird es nicht kommen, wenn die Brasilianer einziehen. Aber „ein schönes Chaos“, wie Becker sagt, wird es schon werden.

          In Königstein regiert König Fußball

          10.000 Besucher, so schätzt das hessische Innenministerium, werden in Königstein erwartet, um dem fünfmaligen Weltmeister nahe zu sein. Das Problem daran ist: Es werden jeden Tag so viele sein. Die Stadt hat allerhand getan, um sich auf den Ansturm der Fans vorzubereiten. Sportplätze werden zu Parkplätzen umgebaut, 2000 zusätzliche Stellplätze soll die Königstein bieten, wenn die etwas verschlafen wirkende Stadt im Taunus Samba tanzt. 500.000 Euro Etat hat die Stadtverordnetenversammlung für den Besuch bewilligt. Seitdem befindet sich der Ort in einer Art Rausch. „Ein Fahnenmeer in Gelb und Grün“, den brasilianischen Nationalfarben, soll wehen, sagt Becker. Schon seit geraumer Zeit hat sich die Königsteiner Geschäftswelt auf die weltmeisterlichen Gäste eingestellt.

          In fast allen Schaufenstern in der Fußgängerzone wird dem Fußball, der WM und ganz besonders Brasilien gehuldigt. Die örtliche Konditorei hat Caipirinha-Pralinen ins Angebot genommen mit gehaltvoller Füllung und der Aufschrift: Sauda o Brasil, Willkommen Brasilien. Beim Optiker gegenüber stapeln sich Fußbälle in Gelb und Grün, der Buchladen hat der WM und dem Fußball eine Auslage gewidmet und an der Geschäftsstelle der „Aktionsgemeinschaft lebenwertes Königstein“ prangt eine großes, selbstgefertiges Plakat, das Spieler und Trainer des fünfmaligen Weltmeisters zeigt.

          Ein Festprogramm soll in den brasilianischen Tagen Gäste und Einheimische unterhalten, ein vom Sportartikelhersteller Nike organisiertes Fußballturnier auf der Burg soll ein Höhepunkt sein. Der große Parkplatz an Rande der kleinen Fußgängerzone wird umfunktioniert, hier wird Musik, Tanz und Sport geboten. In Königstein, der Stadt der Reichen, regiert dieser Tage nur einer: König Fußball.

          Training unter Ausschluß der Öffentlichkeit

          Ein wenig Skepsis ist in der Stimme des Ordungsamtsschefs Becker zu spüren, wenn es um die Verkehrssituation während des brasilianischen Besuchs geht. Der Kreisel am Stadteingang ist ein berüchtigtes Nadelör, das durch die aktuellen Umbauarbeiten noch enger geworden ist. Der Gedanke, die Bauarbeiten des Fußball wegens auszusetzen, ist schnell verworfen worden. Die Kosten wären einfach zu hoch. „Uns ist es schon klar, daß wir hier Steuergelder in die Hand nehmen“, sagt Becker, der am liebsten Sponsoren gewinnen würde, um die Stadt finanziell zu entlasten. „Ich hätte nichts dagegen, auf die Burg ein großes T montieren und sie in Magenta einkleiden zu lassen.“

          Das Haushaltsloch von 4,5 Millionen Euro wird während der WM sicherlich nicht kleiner werden. Siegfried Fricke, der Bürgermeister von Königstein, ist sich dennoch sicher, daß der Besuch der Ballkünster eine „gewaltige Chance“ ist. Wenn die Brasilianer kommen, wird der Olympia-Dritte im Ruder-Vierer mit Steuermann von 1976 nur noch Fußballfan sein. Denn ein paar Tage vor der Anreise der Selecao übergibt Fricke das Amt an seinen Nachfolger Leonhard Helm.

          Man ist also gerüstet für die WM in Königstein. Nur eines werden die Gastgeber kaum bieten können: Begegnungen mit den Profis aus Brasilien. Nicht einmal beim Training werden sie zu sehen sein. Inzwischen hat die Stadt Königstein die Nutzungsrechte der Altkönigblick-Sportanlage an die FIFA abgetreten. Die Trainingseinheiten finden unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt, ein von der FIFA beautragter Sicherheitsdienst sorgt dafür, daß die Brasilianer ungestört trainerieren können. Wer einmal den Teambus zu Gesicht bekommt, hat vermutlich Glück gehabt. Und da ist sich Ordnungsamtschef Becker sicher: „Für brasilianische Fans ist es ein Traum, den Bus gesehen zu haben, in dem Ronaldinho schon einmal saß.“

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