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Fußball-WM : Kommunalpolitiker kungeln um WM-Karten

Der Frankfurter „Karten-Dezernent” und Oberbürgermeisterin Roth Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Mit ihren Extrakontingenten an Tickets könnten die Städte in Deutschland eigentlich Ehrenamtlichen und Vereinen danken. Doch weit gefehlt: Bei der Vergabe der begehrten Eintrittskarten denken die Lokalpolitiker zuerst an sich.

          5 Min.

          In seiner Not berief der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) den Ältestenrat des Stadtparlaments ein. Denn die Last seiner Entscheidung wollte das Stadtoberhaupt nicht mehr alleine tragen: 15 Karten für die Fußball-Weltmeisterschaft hat er jedem der 80 Stadträte zum Kauf angeboten. Ein unmoralisches Angebot?

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Ältestenrat tagte hinter verschlossenen Türen. Nach fast zwei Stunden sprang er dem Oberbürgermeister zur Seite: Bei dem Angebot handele es sich nur „um rechnerisch mögliche Höchstzahlen“, hieß zur Entlastung Udes. Und: Im Durchschnitt würden die Politiker nur ein oder zwei der 1.800 städtischen WM-Karten kaufen. Daß sie selbst zu den Privilegierten zählen, erwähnten die Mitglieder des Ältestenrats nicht.

          Affäre überstanden

          Die Karten sind rar, und nur ein Bruchteil der Fans wird ein WM-Spiel von der Stadiontribüne verfolgen können. Knapp drei Millionen Tickets hat der Internationale Fußball-Verband (Fifa) drucken lassen, „aber wir bräuchten gut und gerne 30 Millionen“, sagt der Vizepräsident des deutschen Organisationskomitees, Horst R. Schmidt.

          Dank Vandreike bleiben Frankfurts Politiker unter sich

          Beschwerden wegen des komplizierten Bewerbungsverfahrens gab es schon, jetzt steht Ärger ins Haus wegen eines Teils der 389.000 Tickets für die „Deutsche Fußball-Familie“. Zu ihr gehören auch die zwölf Städte, in denen die Spiele ausgetragen werden. Zwischen 300 und 600 Tickets je Spiel durften sie erwerben. Jetzt müssen sie entscheiden, wem sie die begehrten Karten anbieten.

          Anders als Oberbürgermeister Ude ist Frankfurts Bürgermeister Joachim Vandreike schon wieder bester Laune. Der SPD-Politiker sitzt im Sportausschuß und läßt 40 Minuten lang einen Mitarbeiter über die Umbaupläne für ein Regionalligastadion referieren. Frühestens in einem halben Jahr soll der Umbau beginnen, doch die Präsentation an diesem Tag ist kein Zufall. Gerade hat der Bürgermeister und Sportdezernent eine Affäre um die Vergabe von städtischen WM-Tickets überstanden. Jetzt braucht er gute Nachrichten.

          Beschwerden von der Opposition

          Vandreike hat Ummut auf sich gezogen. weil er nicht genügend Briefe geschrieben hat. Kürzlich hatte er verfügt, wie die 2.000 Karten für die fünf Spiele in Frankfurt aufzuteilen seien: Zehn bis zwanzig Prozent sollten für künftige Sponsoren zurückgehalten werden, zwei Drittel der restlichen Tickets an schon beteiligte Geldgeber gehen.

          Doch weil viele Karten übrigblieben, gestattete Vandreike sich und den anderen Stadträten, jeweils 15 davon exklusiv zu kaufen. Dann lagen aber immer noch Tickets auf dem Schreibtisch, und Vandreike schrieb noch ein paar Briefe. Nicht verdienten Ehrenamtlichen oder Nachwuchsfußballern bot er die letzten Eintrittskarten an, sondern den Fraktionen der Frankfurter Viererkoalition.

          Die Opposition bekam davon Wind und beschwerte sich heftig. Also verfaßte Vandreike noch ein paar Briefe. Spötter sagen, er habe sich „wie ein Anfänger“ aufgeführt. Im Frankfurter Rathaus heißt er seitdem „der Karten-Dezernent“.

          Leipzig hält es mit der Fifa

          „15 Karten pro Stadtrat?“ Die Stimme mit dem sächsischen Akzent klingt überrascht. Im Sportamt der Stadt Leipzig kennt man die Vorgaben der Fifa: Die 2.530 städtischen Tickets dürfen nur an diejenigen weiterverkauft werden, die sich besonders für die Weltmeisterschaft engagieren. „Aber da denkt man doch zuerst an die Ehrenämtler in Vereinen und Hilfsdiensten“, heißt es.

          Deshalb habe das Leipziger Sportamt mehr als 100 Vereine angeschrieben und gebeten, Mitglieder zum Kartenkauf vorzuschlagen. 1.300 der städtischen Tickets sollen auf diese Weise verteilt werden. Leer ausgehen sollen die Politiker dabei nicht: Für jeden Stadtrat werde es genau zwei Karten geben. Das sei „transparent und gerecht“.

          Die Sprecherin der Stadt Köln braucht zehn Sekunden, dann hat sie die Liste parat. Dann liest sie vor: 300 Tickets für Fußballvereine, 300 für sonstige Sportvereine, 600 für weitere Ehrenamtliche, 200 Karten für Verkehrsbetriebe und Feuerwehr, 100 für Mitglieder ausländischer Dachvereine, 100 für Staatsgäste und Oberbürgermeister der Partnerstädte, und 400 Tickets für den Ehrenkreis Köln, zu dem der Dompropst ebenso gehört wie die Ratsmitglieder.

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