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Ein ethnologischer Versuch : Wie ein Widder

  • -Aktualisiert am

Zidane hat uns ein Rätsel aufgegeben Bild: picture-alliance/ dpa

Zidane hätte Materazzi treten oder schlagen können, er hat aber einen Kopfstoß vollzogen. Damit hat er vorgelebt, daß auch inmitten eines mediatisierten, hochkapitalisierten und globalisierten Spektakels der einzelne durch Rückgriff auf vormoderne kulturelle Reservoirs bestimmte Räume zu schützen vermag.

          Zidane hätte Materazzi boxen, treten oder schlagen können, er hat aber aus ganz bestimmten, für Mittelmeerethnologen nicht überraschenden Gründen, einen Kopfstoß vollzogen. Damit erzeugte er eine der emblematischsten und faszinierendsten Szenen der jüngsten Kulturgeschichte. Fast alle Konfliktlinien, die die Gegenwart prägen, lassen sich dort studieren.

          Zidane, in seiner Heimat, dem Viertel La Castellane in Marseille, nach wie vor als Yazid bekannt, bedauert nachträglich vor allem, daß so viele "Kleine" seinen Gewaltakt hätten mit ansehen müssen. Aber er schildert sein Verhalten auch als Zwang, er habe es tun müssen. Dazu paßt, daß Materazzi schwört, das Ganze habe "nichts mit Religion, Politik oder Rassismus zu tun". Es geht um Mütter und Schwestern, um Kinder und um Männer, die in tragischer Weise zum Handeln gezwungen sind - also um Ehre, Familienehre, genauer genommen.

          Denken in Kategorien von Ehre und Schande

          Somit haben wir zunächst gute Gründe, den beiden Männern aus dem Mittelmeerraum das Denken in Kategorien von Ehre und Schande zuzuweisen.

          Doch womöglich liegen Ehre und soziale Klasse eben doch dichter beieinander, als man zunächst glauben möchte, wenn man in Kategorien wie "Kultur" denkt. Mir ist das in dieser Hinsicht vor vielen Jahren aufgefallen, als ein Student in meinem Seminar zur Ethnologie des Mittelmeerraumes daran erinnerte, daß man Ehrkonflikte auch gut in den von Deutschen frequentierten Kneipen und Kirmessen in Köln-Poll beobachten könne. Das Problem der Ehre scheint nämlich gerne Zeit und Raum zu überwinden, um in immer neuen mediterranen und nichtmediterranen Verkleidungen in der "modernen Welt" aufzukommen - vergessen wir nicht das Kohlsche "Ehrenwort", das vor einigen Jahren unser Land beschäftigt hat. Am besten erforscht ist freilich nach wie vor der mediterrane Ehrbegriff, und darin spielt der Kopfstoß eine entscheidende Rolle.

          Pflichten und Ideale an die Familie zurück deligiert

          Vor 25 Jahren, vor Beginn der kritischen Selbstreflexion in den Kulturwissenschaften, veröffentlichte der niederländische Ethnologe Anton Blok seine bis heute singulären vergleichenden Studien zur mediterranen Hornsymbolik und zu symbolischen Kämpfen um Ehre und Schande im Mittelmeerraum. Die familistische Kultur des Südens schrieb man damals oft einer ererbten Mentalität zu. Anton Blok aber war nicht an Ererbtem gelegen, sondern an Situativem und an zu Symbolen geformten Erinnerungsbeständen, die mediterrane Familienstruktur hielt er für ein Ergebnis des "schwachen Staates", dem man in mediterranen Gesellschaften ja tatsächlich oft begegnet. Ist der Staat schwach, halten sich die Menschen an die Familie und ihre Ehre.

          Auch in Deutschland kann man heute beobachten, wie immer mehr Pflichten und Ideale an die Familie zurück delegiert werden sollen. Mediterrane Handgesten und Hornamulette, die Sprache der Hirten und Bauern, aber begleiten solche Prozesse, wenn es um die Abgrenzung der Familien untereinander geht. "Figlio di putana", Hurensohn, wird dann zu einer beliebten Beschimpfung, und diese Beschimpfung war in sozial weniger gesicherten Bevölkerungsschichten auch in Deutschland lange Zeit beliebt. Auch die aufstrebenden bürgerlichen Milieus machten sich damals, bis zur Einführung der Antibabypille, nicht wenige Sorgen um die Ehre ihrer Töchter.

          Der Widder paßt auf sein Weibchen auf

          Bäuerliche und Hirtenpopulationen signalisieren das kräftig und eindeutig mit Hinweisen auf Horntiere, denn da gibt es einen wichtigen Unterschied: Der Widder paßt auf seine Weibchen auf, der Ziegenbock nicht.

          Die zum Ziegengehörn gereckten Finger signalisieren, daß das Gegenüber sich benimmt wie ein Ziegenbock - die mächtigeren Böcke lassen nach der Begattung auch jüngere Männchen an ihre Weibchen heran. Ein Klatscher der linken Hand gegen den rechten Oberarm, manchmal verbunden mit nach hinten gebogenen Fingern aber signalisiert den Widder. Sein Kopfstoß ist bei Hirten zu Recht gefürchtet und trifft jeden, den er zu nah bei seinen Weibchen sieht.

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