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Die WM-Gala der ARD : Ein Abend unter Freunden

Am Ball mit Heidi Klum Bild: dpa/dpaweb

Die Auslosungsgala der ARD war ein erster Versuch, die deutsche WM-Tauglichkeit unter Beweis zu stellen. 320 Millionen Zuschauer erlebten eine Party, bei der nur die Bauchtänzerin fehlte.

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          „Die Welt zu Gast bei Freunden“, das Motto der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft, ist zunächst einmal eine Behauptung. Gern würden sich die Deutschen ja als weltoffene, tolerante, lockere und beliebte Nation betrachtet wissen, doch dürfen sie wirklich davon ausgehen, daß sie allen Völkern als gute Kumpel gelten? Wenn Iraner, Niederländer oder Amerikaner da nur nicht anderer Meinung sind.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die englische Version des WM-Mottos trifft es schon besser: „A time to make friends“. Hier sind wir noch keine Freunde, können es aber immerhin werden - wenn wir uns halbwegs anständig benehmen und als gute Gastgeber zeigen. Am Freitag abend nun hatten wir bei der großen WM-Auslosungs-Show in der ARD die erste Gelegenheit dazu, uns eine Masse neuer Freunde zu schaffen. 320 Millionen Zuschauer sollen, wie vorab zu hören war, die Gala verfolgt haben.

          Eine Schrecksekunde

          Wie ernst es den Veranstaltern mit der Freundschaft ist, demonstriert das Moderatorenpaar Reinhold Beckmann und Heidi Klum, das die Showbühne Hand in Hand betritt. Wie in den guten alten Tagen des Unterhaltungsfernsehens ist der Mann hier für das Fachwissen und die Frau fürs Gutaussehen zuständig, wobei Heidi Klum noch zugutekommt, daß sie im Vergleich zu Beckmann international bekannt ist. Außerdem ist sie ständig gutgelaunt, insofern viel mehr amerikanisch als deutsch und das weibliches Pendant zum deutschen Fußballnationaltrainer Klinsmann.

          Eine Schrecksekunde gibt es, als Beckmann bei einer raumgreifenden Begrüßungsgeste Heidi fast - zumindest sieht es aus der Perspektive des Fernsehzuschauers so aus - ins Gesicht schlägt. Dennoch gehen Klum und Beckmann deutlich freundschaftlicher miteinander um als der Dominus Günter Netzer mit seinem Delling. Beide hatten den Abend mit dem üblichen Expertentalk eröffnet, als handele es sich um die Übertragung irgendeines Fußballspiels.

          Schon die nächsten Gäste auf der Bühne, Horst Köhler und Sepp Blatter, halten sich indes nicht an den Händen. Zwischen Köhler und Heidi Klum entwickelt sich sogleich ein Fachgespräch, das in der jüngeren Fernsehgeschichte nicht seinesgleichen kennt: „Herr Bundespräsident, die ganze Welt schaut auf Deutschland. Was bedeutet das?“ - „Ja, daß die ganze Welt auf uns schaut.“ - „Mir zittern auch schon die Knie, wenn ich denke, daß die Welt auf uns schaut...“ - „Und die ganze Welt schaut auf uns.“ Doch Horst Köhler ist ohnehin nicht der Gast, den man auf einer Party als Stimmungskanone einladen würde: Er beschreibt Deutschland auf der Showbühne als Land, das seine Aufgaben anpacke - arbeiten also statt feiern. Wenigstens fällt an diesem Abend das Wort „Reformen“ nicht.

          Die Tür klemmt

          Aber wie das eben so ist: Bei aller Aufbruchsstimmung hakt es irgendwo immer. In diesem Fall beim Tor zur Bühne, das klemmt und den nächsten Gast erst mit Verspätung einläßt. Es ist Franz Beckenbauer, der ganz alleine kommt: Ihn muß niemand an die Hand nehmen, und er scheint der einzige auf der Bühne, der - trotz der Torpanne - nicht nervös ist. Endlich ein bißchen Lockerheit. Später kommen auch noch Jürgen Klinsmann und Michael Ballack, der mit dem neuen WM-Ball jongliert und den Satz sagt: „Adidas hat ja immer Super-Bälle gemacht.“ Den Hersteller freut's, und Beckmann reagiert mit lautstarkem Augenzwinkern: „Nachtigall, ich hör dir trapsen!“ Aber von Schleichwerbung, mit der die ARD reichlich Erfahrung gesammelt hat, kann man wohl nicht sprechen, wenn sie so flott dahergekickt kommt.

          Im folgenden wird sich die Welt dann bang gefragt haben, ob sie dieses große Ereignis tatsächlich vom Gastgeber Deutschland ausgerichtet wissen möchte: Es erscheint nämlich allen Ernstes ein Zauberkünstler namens Hans Klok, der den - hoho - verschwundenen WM-Pokal herbeizaubert. Der Zuschauer befürchtet schon, daß sogleich noch eine Bauchtänzerin auftauchen wird. Die kommt zwar nicht, aber dafür - noch schlimmer - das WM-Maskottchen „Goleo“ mit einem sprechenden Ball namens Pille. Kein Clownsauftritt beim Kindergeburtstag könnte unerfreulicher sein.

          Merkel tritt nach

          Zum Glück wird dann gelost. Der eigentliche Höhepunkt des Abends geht verblüffend rasch vorüber - und Deutschland hat allen Grund zum Jubeln (WM-Auslosung: Leichte Vorrunde für Deutschland). Die Party ist vorbei. Zumindest die Gastgeber können hochzufrieden sein.

          Der Epilog aber gehört der deutschen Bundeskanzlerin, die, wie sie einer jungen ARD-Interviewerin versichert, sich mit dem Fußball schon immer gut ausgekannt hat. Wie sie sich denn auf die WM vorbereite? „Daß ich heute abend zum Beispiel mal da war“, sagt Angela Merkel. Und spendet ihrem Vorgänger noch einmal ein vergiftetes Lob, das, wenn man es genau betrachtet, ein kräftiges Nachtreten ist: Sie reiche zwar nicht an die praktischen Fußballkünste Gerhard Schröders heran, teilt sie lächelnd mit - aber sie kenne sich ganz gewiß gut dabei aus, was die Nervenstärke von Spielern angehe.

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