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WM-Verluste : Da zappelt nichts, da kollert niemand

Die Zeiten der Tricks sind bald vorbei: Trickser Zidane Bild: picture-alliance/ dpa

Fast unbemerkt haben sich von Weltmeisterschaft zu Weltmeisterschaft einige Dinge aus dem Fußball verabschiedet. Wo sind die Bälle, die im Netz zappeln, die Hattricks und die Kontertore? Sechs Verlustmeldungen dieser WM.

          Fast unbemerkt haben sich von Weltmeisterschaft zu Weltmeisterschaft einige Dinge aus dem Fußball verabschiedet. Einiges gibt es ja schon seit langem nicht mehr. Lederbälle zum Beispiel. Polizeisportgruppen im Vorprogramm. Trainer, die nach einem WM-Sieg Interviews verweigern, weil es ihr freier Tag sei (wie der Engländer Ramsey 1966). Tickets, die keiner haben will. Oder ZDF-Sendungen ohne Johannes B. Kerner.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Manch patente Idee wurde gar zur Eintagsfliege in der WM-Geschichte, wie die der Schweizer Bahn, 1954 einen Zug auf das Gleis hinter der Gegentribüne des Basler Stadions zu fahren, wo die Passagiere für neun Franken das Spiel verfolgen konnten. Oder den Service 1962 in Chile, wo Helfer den Zuschauern mit Nummerntafeln zeigten, wer gerade am Ball war. Was nun also ist bei dieser WM verschwunden? Was gab es 2006 nicht mehr? Sechs Verlustmeldungen.

          Kontertore

          In den neunziger Jahren verlegten sich Teams wie Norwegen darauf, den Ball gar nicht lange besitzen zu wollen - gestützt auf die Erkenntnis, daß die meisten Tore binnen weniger Sekunden nach dem Ballgewinn fallen. Ballbesitz ist ein Risiko - außer, man hat einen Plan B für die Sekunden nach dem Ballverlust. Die guten Klub- und auch Nationalteams heute haben ihn längst, sie schalten nach Ballverlust sofort um und blockieren, zumeist durch die defensiven Mittelfeldspieler, die möglichen Lauf- und Paßwege des Gegners, um eine Kontersituation zu verhindern.

          Der König der Hattricks: Geoff Hurst (England)  1966 in Wembley

          Es ist eine klare Rollenverteilung mit automatisierten Aufgaben. In dem Moment, da der ballführende Spieler abbremsen oder gar abdrehen muß, ist das Ziel erreicht, aus dem gefährlichen Konter ist harmloser Ballbesitz geworden. Das Resultat: Nimmt man Blackouts aus wie den der schwachen Tunesier beim 1:2-Gegentor gegen Saudi-Arabien, dann fallen praktisch keine Kontertore mehr. Überhaupt gibt es kaum noch geschenkte Tore, seit dribbelnde Torhüter wie Rene Higuita in Rente sind, Innenverteidiger mit Panikattacken am Ball im Abseits landen (wie der Ghanaer Sammy Kuffour nach seinem Ballverlust zum 0:2 gegen Italien) - und seit Roberto Carlos, der sich beim 0:1 der Brasilianer gegen Frankreich die Stutzen richtete, statt Henry zu decken, seinen Rücktritt erklärt hat.

          Exoten

          Sie kommen vielleicht noch aus Ländern, die man „exotisch“ nennt, aber Exoten sind sie längst nicht mehr. Es ist ein Paradoxon, wie es einst Paul Breitner an einem anderen Beispiel ausdrückte, das für diese WM aber auch ganz aktuell klingt: „Sie sollen nicht glauben, daß sie Brasilianer sind, nur weil sie aus Brasilien kommen.“ Die Exoten kamen früher zum Beispiel aus Zaire oder Haiti, und sie fuhren fast immer mit null Punkten und zweistelliger negativer Tordifferenz wieder heim. Noch bis vor wenigen Jahren schlugen sich die „Exoten“ verläßlich selbst, vor allem wenn sie zum ersten Mal bei einer WM waren.

          Das Beste an ihnen waren die Laune und die weiblichen Fans. Sie waren das Fußball-Pendant zu den jamaikanischen Bobfahrern. 2006 ist das anders, niemand sieht mehr in einem WM-Auftritt einen Spiegel afrikanischer Lebenslust oder karibischer Party-Laune, wie es der Fußball-Folklorist gern hätte - sondern ein hartes Stück konzentrierter, kollektiver Arbeit. Neuling Angola hat nur ein Spiel verloren, nur 0:1 gegen Portugal; ebenso Trinidad & Tobago, das nur England 0:2 unterlag - es stand 0:0 bis zur 84. Minute. Exoten sind heute europäisch organisiert, und Europas Exoten-Fans mußten umlernen: Sie bejubeln mittlerweile auch ein zäh ermauertes 0:0.

          Bälle, die im Netz zappeln

          Der Ball gehört ins Netz, und dort blieb er dann auch. Das war einmal. Heute bleibt kaum ein Ball im Tor liegen. Denn die Tornetze sind auf eine so straffe Weise gespannt, daß der Ball wie von einem Trampolin wieder hinausbefördert wird, oft schon, bevor der Schütze zu jubeln beginnen konnte. Als Lukas Podolski beim 7:0 gegen Luxemburg im letzten WM-Testspiel in Freiburg einen Elfmeter ins Tor schoß, nicht einmal übermäßig hart, sondern mit der Innenseite des Fußes - da wurde der Ball vom Netz so weit wieder hinausgeschleudert, daß er aus dem Strafraum flog. Das beraubt nicht nur Zuschauer, auch Radioreporter eines schönen Effekts. Denn heute „zappelt“ kaum noch ein Ball im Netz. Schön ist das nur für die Torhüter: Die müssen nicht mehr hinter sich greifen.

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