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WM-Übertragung : Fußball mit dem Mullah

Fußball-Begeisterung in Afghanistan Bild: picture-alliance/ dpa

Statistisch kann man die Ausstrahlungskraft der Fußball-WM kaum ermessen. Denn die vier Wochen der neuen deutschen Leichtigkeit des Fanseins wirken, so pathetisch es klingt, rund um den Globus. Sogar bis in den Südosten Afghanistans.

          Es war schon etwas seltsam, in ein Land zurückzukehren, das sich in drei Wochen derart verändert hat. Fast kein Lamento, kollektive Freude pur, Fußball als verbindende Deutungsmacht, die Mentalitätsforscher binnen Tagen um Jahre zurückwirft. Eine Jugend- und Kinderbewegung zumal, die Grönemeyers verqueren Wunsch aus den Achtzigern, die „Kinder an die Macht“ zu bringen, durch Klose-Tore wahr werden läßt. Vom Nachwuchs lernen heißt dieser Tage, sich vom Taschengeld des Jüngsten erstandene Deutschlandfähnchen ans Auto zu pappen, um für den Korso gerüstet zu sein. Dabei wissen die Freudestrahler in den Stadien und mehr noch in den Public-Viewing-Arenen vielleicht noch nicht einmal, was sie tun. Ihre vier Wochen Leichtigkeit des Fanseins wirken, so pathetisch es klingt, rund um den Globus.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das merkt man, wenn man einmal am anderen Ende der Welt fernsieht. Das erste Vorrundenspiel gegen Costa Rica zum Beispiel haben wir in Dschalalabad gesehen, im Südosten Afghanistans, wo es selten Strom und noch weniger Fernseher gibt. Doch es ließ sich einer beschaffen, und daß den Kommentar der Dieselgenerator übertönte, der eigens dafür angeworfen wurde, störte auch nicht weiter. So fiel es leichter, dem alten Mullah neben uns eine Weile lang weiszumachen, die Deutschen hätten gerade die Amerikaner mit 4:2 besiegt. Freude allerorten. Und ansonsten: positive Neuigkeiten aus und über Deutschland noch und noch, im afghanischen wie pakistanischen Fernsehen, das nicht viele Gelegenheiten hat, die Zuschauer mit Nachrichten zu erfreuen. Jetzt aber gibt es Berichte, die ein Land beschreiben, das wie aus der Welt gefallen scheint.

          Die Quoten ad acta legen

          Wenn zwanzig Millionen Menschen in Deutschland derzeit ein Spiel der Nationalmannschaft sehen, sagte uns der ZDF-Moderator Johannes B. Kerner kürzlich, heißt das doch: Sechzig Millionen schauen nicht zu. „Das glaube ich nicht.“ Das glauben wir auch nicht. Scheint es doch vielmehr so zu sein, daß das einzige, was bei dieser WM nicht funktioniert, die Vermessung des Publikums ist. Denn es werden von den Quotenforschern ja nicht nur die Hunderttausende nicht erfaßt, die zum Public Viewing strömen - 700.000 in Berlin, 70.000 in Frankfurt -, sondern auch all diejenigen, die nicht alleine, aber in sonst unüblichen Kleingruppen vor dem Bildschirm hocken. Insofern können wir die Quoten ad acta legen - der Fußballtaumel ist größer, als die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg (GfK) ermitteln kann.

          Das ZDF hat darum das Umfrageinstitut Forsa mit einer zusätzlichen Untersuchung beauftragt, bei der herauskam, daß man etwa zu den rund zwanzig Millionen Zuschauern des Spiels unserer Mannschaft gegen Costa Rica noch einmal zwölf Millionen hinzurechnen darf, die außer Haus zugesehen haben. Das sind immerhin sechzig Prozent mehr als nach dem üblichen Maßstab ermittelt. Beim Spiel Deutschland gegen Polen (23,89 Millionen) soll man laut ZDF noch einmal knapp elf Millionen Fans dazunehmen, zu den 22,34 Millionen, welche die Begegnung mit Schweden sahen, kämen demnach sogar fast sechzehn Millionen Zuschauer hinzu. Um bis zu siebzig Prozent, erklärt das ZDF auf Anfrage, müsse man die Quoten nach oben korrigieren - der Fußball treibt die Leute aus dem Haus, und das nicht nur bei den Spielen von Klinsmanns Truppe.

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