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WM-Stadien : Schlechte Noten für die Warentester

Neue Debatte: Wohin flieht der Fan? Bild: AP

Nach den Urteilen der Stiftung Warentest über die WM-Stadien will Bundesinnenminister Schäuble mögliche Nachbesserungen diskutieren. Gleichzeitig gibt es eine Debatte über die kritisierten Fluchtwege in den Arenen.

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          Die Vorwürfe der Stiftung Warentest, in vier der zwölf Stadien der Fußball-Weltmeisterschaft gebe es gravierende Sicherheitsmängel, wird Folgen haben. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble wie mehrere Stadionbetreiber kündigten an, die Untersuchung aufzugreifen, mit Sicherheitsexperten zu diskutieren und womöglich nachzubessern. Schäuble will dabei das Bundesbauministerium, das Organisationskomitee der WM 2006 sowie Repräsentanten der betroffenen Länder einbeziehen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In der Diskussion zeichnet sich eine Grundsatzdebatte ab. Die Flucht von den Zuschauerrängen auf das Spielfeld, wie sie in den Stadien von Berlin, Leipzig und Gelsenkirchen nicht möglich ist, werde in manchen Stadien bewußt nicht angestrebt, sagt der Münchner Architekt und Ingenieur Bernd Rauch, der für den FC Bayern und TSV 1860 den Bau der Allianz-Arena begleitete. Er beruft sich in der "Süddeutschen Zeitung" darauf, daß es längst andere Modelle für Flucht und Evakuierung als die nach innen gebe; diese werde im übrigen auch von den internationalen Fußballverbänden nicht gewünscht. Die Prüfung durch die Stiftung Warentest nennt er abenteuerlich und selbstdarstellerisch. "Bald beginnt die Rückrunde, und die Besucher haben das Gefühl, sie sind in den Stadien nicht sicher", klagt er. "Ich finde, das geht zu weit."

          Nicht von ein paar Hanseln kaputtreden lassen

          "Schwachsinnig" gar nennt der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft des Zentralstadions Leipzig, Winfried Lonzen, die Vorwürfe der Stiftung. Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) habe ausdrücklich keine Flucht aufs Spielfeld gewünscht. "Die Flucht Richtung Spielfeld entspricht nicht modernen Sicherheitsanforderungen." Das in Leipzig angewandte, weltweit anerkannte "dynamische Fluchtwege- und Rettungswegekonzept" wolle er sich nicht von ein paar Hanseln kaputtreden lassen, zitiert ihn die "Leipziger Volkszeitung". Auf den Vorwurf, die Fluchtwegeführung durch eine Tunneldurchfahrt sei teilweise problematisch, erwidert Lonzen: "Bei uns gibt es gar keine Fluchtwege durch Tunnel." Das Zentralstadion sei so angelegt, daß die Besucher es schnell nach draußen verlassen könnten. Vom Oberrang führt für die Zuschauer laut Lonzen ohnehin kein Weg in den Innenraum: "Sollen die sich zwanzig Meter in die Tiefe stürzen, um auf den Unterrang zu kommen?"

          Die "Leipziger Volkszeitung" zitiert auch Professor Gert Beilicke, der mit drei Mitarbeitern ein Jahr lang das Brandschutz- und Evakuierungskonzept erarbeitet habe. Dieser beruft sich auf mehrere Versuche und Beobachtungen, auch bei Fußballspielen, und auch auf Berechnungsmethoden eines russischen Professors namens Prdtetschenski von Anfang der siebziger Jahre. Ein nachträglicher Zugang zum Innenraum sei nicht vorstellbar. Für das angewandte Konzept seien auch die Katastrophen in den Fußballstadien von Brüssel 1985 und Sheffield 1989 ausgewertet worden. "Seriöse und verifizierbare Untersuchungsergebnisse sehen ganz sicher anders aus", sagt Beilicke über die Veröffentlichung von Warentest.

          „Verdammt dünn“

          Ihre Grundhaltung sei anmaßend wirft der Berliner Innensenator Ehrhart Körting der Stiftung Warentest vor. Er gestand aber gegenüber der "Berliner Morgenpost" ein, daß bei der Katastrophenschutzübung im November das Anlegen von Brücken über den Graben zwischen Tribünen und Innenraum zu lange gedauert habe und Bedarf bestehe nachzubessern. Allein im vergangenen Jahr wurden laut "Morgenpost" dreißig Millionen Euro für die Verbesserung der Sicherheit im Olympiastadion ausgegeben. Bernd Schiphorst, Präsident des Bundesligavereins Hertha BSC und Vorsitzender des Berliner Organisationskomitees der WM, kritisierte die Stiftung Warentest. "Ich bezweifle die Vorgehensweise und bin überhaupt nicht einverstanden", sagte er der "BZ". "Sicherheit im Stadion kann man nicht wie Staubsauger behandeln."

          "Verdammt dünn" nennt der nordrhein-westfälische Bauminister Oliver Wittke (CDU) die Untersuchung. Sein Kollege vom Innenressort, Ingo Wolf (FDP), sagte, das Sicherheitskonzept aller Stadien werde ohnehin ständig verfeinert.

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