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WM-Serie: 1974 : Angestrengter Jubel nach einem selbstverständlichen Titel

  • -Aktualisiert am
Der „Kaiser” am Ziel aller Wünsche
          4 Min.

          Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der zehnte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1974 in Deutschland.

          Vom Fall der Mauer abgesehen, hat die Nation niemals mehr eine ähnliche Woge der Begeisterung erfaßt wie 1954, als Deutschland gegen die ungarische Wundermannschaft Fußball-Weltmeister wurde. Daran reichte auch der Enthusiasmus nicht heran, mit dem 1990 die deutsche Elf für ihren Erfolg von Italien gefeiert wurde. Und schon gar nicht der eher angestrengte Jubel, als die Deutschen 1974 im WM-Finale von München die starken Holländer 2:1 bezwangen. Die Nationalelf löste damit nur ein, was hierzulande allgemein von ihr erwartet wurde. 1954 hieß es: „Wir sind wieder wer.“ 1974 gehörten „wir“ längst wieder zu den Großen, im Fußball wie in der Politik und in der Wirtschaft. Und so wurde der Erfolg nur als standesgemäß empfunden.

          Doch der Weg zu diesem Ziel war steiniger als gedacht. In den Vorrundenbegegnungen gegen Chile (1:0) und Australien (3:0) schimmerte nur ein matter Abglanz von jener strahlenden Elf, die zwei Jahre zuvor Europameister geworden war und immer noch als die spielerisch beste deutsche Mannschaft gilt. Das 0:1 gegen die DDR durch Jürgen Sparwassers berühmtes Tor war ein doppelter Glücksfall. Als Gruppen-Zweiter blieben Helmut Schöns Auswahl in der zweiten Finalrunde die Kraftproben mit Weltmeister Brasilien und Argentinien, aber vor allem der Gang mit den Holländern erspart, die zu diesem Zeitpunkt für die Deutschen wohl noch zu stark gewesen wären.

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          Heilsamer Schock

          Der heilsame Schock führte den Spielern vor Augen, daß sie mit ihrer bis dahin laschen Einstellung niemals Weltmeister werden würden. Die Wende erfolgte anschließend in jener legendären Nacht von Malente. „Da sind wir aus einem zerstrittenen Haufen zu einer Einheit geworden“, wie Franz Beckenbauer heute feststellt. Der Münchner Kapitän wetterte als Wortführer am heftigsten gegen die Egoisten und Selbstdarsteller, die lieber mit dem Deutschen Fußball-Bund um die WM-Prämien (60.000 Mark vom DFB plus 10.000 Mark von Adidas) pokerten, als sich auf dem Spielfeld füreinander einzusetzen. „Und es war wichtig, daß wir uns nach dem fünften oder sechsten Glas Wein die Wahrheit gesagt haben“, meint Berti Vogts, der sich erinnert, „daß wir dann morgens das Spiel gegen die DDR 5:1 gewonnen hatten.“

          Am Tag danach konnten die Spieler Malente endlich hinter sich lassen. Vier lange Wochen waren sie in der schleswig-holsteinischen Sportschule kaserniert. An die 40 Mann in winzigen Zimmern, Toiletten und Waschräume außerhalb. „Stellen Sie sich mal vor, wir würden das unsern Spielern heute noch zumuten“, sagt Vogts, der spätere Bundestrainer. Knapp zwei Jahre nach dem Olympia-Attentat von München herrschte zudem wegen der Anschläge der Baader-Meinhof-Gruppe höchste Sicherheitsstufe. Die Nationalmannschaft und ihr Troß lebten wie in einer Festung hinter Stacheldraht, beschützt von Polizei und der Sondereinheit GSG 9. Offiziell durfte niemand das Gelände verlassen. „Doch der eine oder andere nächtliche Ausflug mußte sein“, gibt Beckenbauer heute zu, „sonst wären wir wahrscheinlich verrückt geworden.“ Die Bewacher hatten jedenfalls Mitleid „und haben uns rausgelotst“.

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