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WM-Kommentar : Renaissance der Klassiker

  • -Aktualisiert am

Der Durchmarsch des Favoriten Brasilien kommt nicht von ungefähr Bild: dpa

Eine Fußball-WM ist wie ein Salat: Zu viel Dressing lenkt nur vom Wesentlichen ab. Wer will schon Südkorea in einem Halbfinale sehen? Kaum jemand. Ergo: Um einem Turnier den perfekten sportlichen Glanz zu verleihen, bedarf es der echten Klassiker.

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          Diese Weltmeisterschaft steht einfach unter einem glücklichen Stern. Das Wetter spielt mit, als läge Deutschland am Mittelmeer, die deutschen Fußballprofis spielen mit, als wären sie Brasilianer, und die Zuschauer spielen mit, als würden sie dafür bezahlt werden, aus dem Turnier ein Fest zu machen. Und dann haben sich auch noch genau die richtigen Mannschaften für das Viertelfinale qualifiziert.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Nichts gegen die Außenseiter. Kein sportlicher Wettbewerb käme ohne sie aus. Ohne die Bedrohung durch die Emporkömmlinge degenerierte das Establishment. Aber eine Fußball-WM ist wie ein Salat: Zu viel Dressing lenkt nur vom Wesentlichen ab. Wer will schon im Ernst Südkorea und die Türkei in einem WM-Halbfinale sehen? Wer mag Griechenland als Europameister erleben? Verschwindend geringe Minderheiten.

          Fortsetzung einer Tradition

          Um einer Weltmeisterschaft den großen sportlichen Glanz zu verleihen, bedarf es der Klassiker. In diesem Sinne hätte das Organisationskomitee die Runde der letzten acht kaum besser bestimmen können - wenn es die Macht dazu hätte -, als es der Zufall vorgesehen hat. Deutschland gegen Argentinien ist die Fortsetzung einer WM-Tradition, die 1958 in Schweden mit einem 3:1 der Herberger-Mannschaft in der Vorrunde begann. 1966 in England endete ein knüppelhartes Gruppenspiel 0:0. Die Fußballbeziehung gipfelte in den beiden Finaltreffen 1986 (3:2 für Argentinien) und 1990 (1:0 für Deutschland). Mit Brasilien gegen Frankreich wiederholt sich das Endspiel von 1998, mit England gegen Portugal das Halbfinale von 1966. Nur Italien bekommt es mit einem Gegner ohne historischen Hintergrund zu tun. Die Ukrainer haben sich bei ihrer Premiere ins Viertelfinale verlaufen.

          Sonne und gute Laune: diese WM steht unter einem glücklichen Stern

          Seit Rudi Völlers Zeiten kennen die deutschen Fußballfreunde ja dieses Phänomen: Mit den richtigen Gegnern ist vieles möglich. Die Schweizer weigerten sich sogar beim Elfmeterschießen, ins ukrainische Tor zu treffen. Nun, gegen die italienischen Verteidigungskünstler mit dem Sinn fürs Effektive wird sich wohl auch der letzte Außenseiter verabschieden. Der Durchmarsch der Favoriten kommt nicht von ungefähr. Mit der Anordnung, daß die nationalen Meisterschaften bis Mitte Mai beendet sein mußten, hat der Weltverband Fifa den Überbelasteten die nötige Ruhepause vor dem Saisonhöhepunkt verschafft.

          Bundestrainer Klinsmann betont zwar bei jeder passenden Gelegenheit, daß es völlig unerheblich sei, was in der Vergangenheit geschehen sei. Und das mag auch für seine Arbeit zutreffen. Aber für die Fans ist es herrlich, alte Rechnungen aufzumachen und auf deren Begleichung zu hoffen. Gewänne England das WM-Finale gegen Deutschland durch Elfmeterschießen, das Trauma einer ganzen Fußball-Nation löste sich in Wohlgefallen auf. Holte Deutschland gegen Brasilien die Trophäe durch ein Hackentricktor von Klose, verflüchtigte sich der tiefsitzende Minderwertigkeitskomplex eines Fußball-Arbeiterstaates. Nur große Spiele mit großen Gegnern bewirken Veränderungen revolutionären Ausmaßes. Schon das Viertelfinale bietet Gelegenheit dazu.

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