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WM-Eröffnungsgala : Berlin verärgert über Absage aus „aus heiterem Himmel“

  • Aktualisiert am

Keine WM-Gala: Andre Heller, künstlerischer Gestalter, und OK-Chef Franz Beckenbauer Bild: dpa/dpaweb

Die überraschende Absage der WM-Eröffnungsgala durch die Fifa hat für Verstimmung in Berlin gesorgt. Der Regierende Bürgermeister Wowereit sagte: „Berlin ist schwer enttäuscht, das trifft uns hart.“

          Die für den 7. Juni geplante Gala zum Auftakt der Fußball-Weltmeisterschaft mit Tausenden von Darstellern im Berliner Olympiastadion, von Anfang an ein Politikum, fällt aus. Angeblich aus logistischen Gründen; doch es wird auch von galoppierenden Kosten und von einem schwachen Vorverkauf berichtet.

          Der Internationale Fußballverband (Fifa), der sich die Idee des damaligen Bundesinnenministers Otto Schily zu eigen gemacht hatte, entschied sich am Freitag, dem Dreizehnten, zur Absage; offiziell, weil die Rasenfläche der Arena zwei Tage vor Beginn der WM-Spiele (9. Juni bis 9. Juli) zu sehr beschädigt werde. „Ein termingerechter Abbau der aufwendigen Bühnen- und Veranstaltungstechnik sowie ein darauf folgender Einbau eines neuen Rasens, der vom 12. Juni an in perfekter Spielqualität zur Verfügung stehen müßte, ist nicht ohne erhebliche Risiken möglich“, heißt es in der Mitteilung des Verbandes. Zuvor war schon das erste Berliner Gruppenspiel, Brasilien gegen Kroatien, um einen Tag auf den 13. Juni verschoben worden, um für die Rasenpflege mehr Zeit zu gewinnen.

          Geld für die Tickets gibt es zurück

          Fachleute hatten seit langem darauf hingewiesen, daß die Show-Veranstaltung die folgenden Spiele beeinträchtigen könnte. „Aufgrund einer erneuten eingehenden Analyse“ sei man zu dem Schluß gekommen, die Veranstaltung abzusagen, so die Fifa. Die Kosten für schon erworbene Tickets würden „vollumfänglich zurückerstattet“, heißt es weiter. Fifa-Präsident Blatter teilte mit, die späte Absage sei dem Verband nicht leichtgefallen, „aber für uns als Weltfußballverband müssen die sportlichen Aspekte schließlich Vorrang haben“. Vom künstlerischen Leiter Andre Heller und dem Stand der Vorarbeiten für das Ereignis sei man stets begeistert gewesen. Eine Verlegung in eine andere Stadt - München und Berlin hatten einst heftig um den Event gekämpft - komme zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Frage.

          Weltverband Fifa: „Sportliche Aspekte müssen Vorrang haben”

          Die Gala sollte von der Fifa finanziert und zeitgleich von ARD und ZDF übertragen werden. Die Fifa wollte die Eröffnungsparty als festen Bestandteil von Weltmeisterschaften etablieren. Fifa-Generalsekretär Urs Linsi sagte noch Ende vergangenen Jahres, als der Vorverkauf (zu Preisen von 100 bis 750 Euro) eröffnet wurde, man wolle „eine Tradition begründen“. Dafür sei die Fifa sogar bereit zu einem Verlustgeschäft. Die Gala war in dieser Form von einer „Männerrunde“ mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, Schily und Fifa-Präsident Joseph Blatter in Hellers Wohnort Gardone am Gardasee beschlossen worden. Von Schily war das Fest zu einem Zeitpunkt erdacht worden, als der Herbst 2006 noch als Termin für die Bundestagswahl galt.

          Zweiter schwerer Schlag

          Die Absage stellt für das deutsche Renommee im Ausland den zweiten schweren Schlag innerhalb einer Woche dar. Zuvor hatten die umstrittenen Ergebnisse der Stiftung Warentest zur Sicherheit der zwölf deutschen WM-Stadien zu einem erheblichen und teils kritischen Medien-Echo geführt (Siehe auch:FAZ.NET-Spezial: „Alle WM-Arenen haben Mängel“). Dies ergab eine Analyse des Online-Recherchedienstes LexisNexis. Nach Angaben des Unternehmens, das auf rund 32.000 Quellen zurückgreift, sei das Thema Sicherheitsmängel vor allem in den Niederlanden und in England verstärkt aufgegriffen worden. Aber auch in Asien und Amerika verfolge die Öffentlichkeit die Entwicklungen mit wachsendem Interesse. Der „Daily Telegraph“ aus London und die niederländische Tageszeitung „De Twentsche Courant Tubantia“ zum Beispiel nahmen die Überschrift der Stiftung Warentest auf und vergaben ebenfalls die „Rote Karte“ für Deutschland. Die Neue Zürcher Zeitung titelte sogar: „Panik im Organisationskomitee“. Das WM-Organisationskomitee beharrt darauf, daß die Stadien alle behördlichen Vorschriften erfüllten und sicher seien. Inzwischen erwägen einige deutsche Stadionbetreiber juristische Schritte gegen die Stiftung Warentest.

          Andre Heller, Kopf des WM-Kulturprogramms, hatte in Berlin längst sein „Traum-Team“ für das Spektakel präsentiert. Neben Brian Eno als Komponist einer „WM-Hymne“ und Tausenden von Freiwilligen waren Rockstar Peter Gabriel als Musikalischer Direktor, Regisseur Philippe Decoufle und Bühnenbildner Mark Fisher vorgesehen. Decoufle gestaltete unter anderem die Abschlußfeier der Olympischen Winterspiele 1992 in Albertville, von Fisher stammten die Bühnenbilder für Konzert-Tournee der Rolling Stones, von U 2 oder auch Robbie Williams. „Das ist“, behauptete im vergangenen November Franz Beckenbauer, „als wenn du Maradona, Pele, di Stefano und Cruyff in einer Mannschaft spielen läßt“. Nun spielt diese Mannschaft gar nicht.

          Aus „heiterem Himmel“

          Der neue Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble bedauerte die Fifa-Entscheidung. Er vertraue aber darauf, daß Andre Heller die Eröffnungsfeier in München und die Schlußfeier in Berlin „zu einem vollen Erfolg für das weltoffene Gastgeberland Deutschland machen wird“, teilte das Innenministerium mit. Die Entscheidung der Fifa sei für sie aus „heiterem Himmel“ gekommen, so die Sprecherin von Heller. „Das hat kein Mensch erwartet.“ Alle seien traurig über den Beschluß.

          Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit sagte: „Berlin ist schwer enttäuscht, das trifft uns hart.“ Er schlug vor, am 7. Juni unter Beteiligung der Fifa ein großes Eröffnungsfest auf der „Fan-Meile“ vor dem Brandenburger Tor zu veranstalten. Unterdessen sagte Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, die bayerische Landeshauptstadt sei „selbstverständlich bereit, jetzt bei einer Ausweitung des Programms der Münchner Eröffnungsfeier (in der Allianz-Arena) oder bei der Ausrichtung eines gesonderten Festes im Münchner Olympiastadion behilflich zu sein“.

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