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WM-Emotionen : Republik Fußball

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Erste Gratulantin: Merkel fällt Klinsmann um den Hals Bild: picture-alliance/ dpa

Der gefühlte Weltmeister - enthusiastisch und bombastisch wie der neue Champion ist die deutsche Fußball-Nationalelf auf ihrer Abschiedsrunde gefeiert worden. Es war nicht so sehr die Qualität der Spiele, die von dieser WM in Erinnerung bleiben wird; es war die millionenfach ausgekostete Freude, sich gemeinsam zu vergnügen. FAZ.NET-Bildergalerie.

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          Der gefühlte Weltmeister - enthusiastisch, bombastisch und phantastisch wie der neue Champion ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf ihren Abschiedsrunden von der Weltmeisterschaft gefeiert worden. Der Dritte des großen Turniers, das Deutschland einen Monat lang begeisterte wie kein (Sport-)Ereignis jemals zuvor, hat am Samstag abend nach dem Sieg über Portugal im kleinen Finale von Stuttgart und am Sonntag mittag auf der Berliner Fanmeile mit seinen unzähligen Anhängern so etwas wie Brüderschaft geschlossen.

          Selten waren sich die Basis und die Spitzen des deutschen Fußballs so nahe. Diese Bilder von deutscher Einheit illustrierten besonders eindrucksvoll, daß dies die WM der großen Gefühle war. Nun reist die Welt, die zu Gast war, ab, und Deutschland kehrt zurück in den Alltag. Keine leichte Übung, denn das Turnier hat Massen bewegt und dabei Momentaufnahmen hinterlassen, die das im Vorurteil verharrende Bild von den Deutschen verändert haben dürften.

          Unverkrampfte Hochstimmung

          Es war nicht so sehr die Qualität der Spiele, die in Erinnerung bleiben wird; es war die millionenfach und multinational ausgekostete Freude, sich gemeinsam in der Republik Fußball zu vergnügen. Der Fan stieg auf zum wahren Weltmeister und entdeckte nebenbei weitere Stadien neben den zwölf schnieken WM-Arenen: die Fanmeilen in den Städten mit den Fernsehgroßleinwänden. Ob innerhalb der von den Marketingprofis des Internationalen Fußball-Verbandes beaufsichtigten Areale oder in den vielen privaten Partyzonen, fröhlich ließen die Sportfreunde in den Trikots der beliebtesten Mannschaften ihre eigene Fete in aller Öffentlichkeit steigen. Wer noch vor Turnierbeginn von einer WM der Bonzen und Bosse geunkt hatte, sah sich rasch getäuscht. Landauf, landab herrschte unverkrampfte Hochstimmung, noch dazu durch bestes Sommerwetter angefacht.

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          Da vor allem die Deutschen bei dieser wichtigsten Leistungsschau des Fußballs couragiert mitspielten, wurde aus Bundestrainer Klinsmann für viele so etwas wie der Reformer des Jahres. Das ist vielleicht übertrieben, da es auch bei einer Weltmeisterschaft letztlich nur um ein Spiel, nur um Fußball geht. Dennoch hatte der Elan, mit dem Klinsmann seine lange fast unlösbar anmutende Aufgabe anpackte, etwas Beispielhaftes und vor allem Mitreißendes.

          Emotional vernetzt

          Selten, vielleicht noch nie, war Deutschland emotional derart miteinander vernetzt wie bei der Begleitung des Klinsmann-Projekts WM 2006. Der in Amerika seßhaft gewordene Trainer weiß noch nicht, ob er seine Mission fortführen will; Deutschland aber scheint ihm zu Füßen zu liegen, da dieser Schwabe mit dem Sinn für Symbolik den Mut zum Risiko verkörpert und die Fußball-Traditionalisten im Land dazu gezwungen hat, über neue Wege zum Erfolg gründlich nachzudenken. Ein "Weiter so, Deutschland!" kann es in Klinsmanns Fußballkosmos nicht geben; dafür ist dieser 41 Jahre alte Trendsetter zu umtriebig und neugierig.

          Wer aus der Begeisterung für die deutsche Mannschaft indes einen neuen Patriotismus ableiten wollte und wieder einmal sogleich zur Stelle war mit gesellschaftlichen und politischen Analogien, hat Sommermärchen verbreitet. Überall flatternde schwarzrotgoldene Fähnchen, die erstmals laut mitgesungene Hymne in den Stadien, Autokorsos in den Innenstädten und deutsche Gemeinschaftserlebnisse vor dem Bildschirm zeugten eher von der Sehnsucht, sich zur Abwechslung aus der wachsenden Vereinzelung der iPod-Generation zu befreien.

          Partys, Massenaufläufe, Extrafeierschichten

          Was für Deutschland galt, beanspruchte auch die Welt für sich: Partys, Massenaufläufe, Extrafeierschichten für den Fußball, wohin das Auge zwischen Australien und Korea, Frankreich, Ghana oder Italien schaute. Die Internationale dieses weltweit beliebtesten Sports, auch das hat sich bei dieser WM gezeigt, ist jünger, weiblicher, verspielter geworden. Der Fußball gehört allen und ist, weil einfach zu durchschauen und oft nur schwer zu erklären, zum Massenkulturgut der Menschheit geworden. Bei dieser WM wurde wie nie zuvor der Eindruck erweckt, die Welt sei zu Gast beim Fußball - und dann erst bei den Freunden in Deutschland. Selten hat es die Politik so schwer wie im vergangenen Monat gehabt, sich mit ihren Themen Gehör zu verschaffen. Die Sprache des Fußballs war zu direkt, zu verführerisch, zu bildmächtig, um Konkurrenz fürchten zu müssen.

          Mit der Krönung des neuen Weltmeisters Italien ging am Sonntag abend ein Fest zu Ende, dem nichts Zeremonielles, Steifes anhaftete. Der Funktionär alter Schule, auch das eine erfrischende Botschaft dieser durch Gewalttätigkeit oder Fremdenfeindlichkeit nicht belasteten Weltmeisterschaft, hatte für einen Monat ausgedient. Mit Klinsmann als Vorkämpfer für neue Wege und Beckenbauer, dem souveränen und in jeder Turnierlage gelassenen Präsidenten des Organisationskomitees, präsentierte sich Fußball-Deutschland in einer gelungenen Mischung aus neuer Verheißung und alter Qualität. Südafrika, das 2010 als erstes afrikanisches Land die nächste Fußball-WM ausrichtet, wird es nicht leicht haben, diesen Maßstab zu erreichen.

          Als Fifa-Präsident Blatter, der damals schon den Kandidaten Südafrika für 2006 bevorzugt hätte, am 6. Juli 2000 eher griesgrämig als erfreut den Satz aussprach "And the winner is...Deutschland", konnte er kaum ahnen, wie recht er doch haben sollte. Deutschland hat vom 9. Juni bis zum 9. Juli nicht nur eine Weltmesse des Fußballs perfekt organisiert; seine Menschen haben sich die Freiheit genommen, mehr über sich selbst zu erfahren: in aller Freundlichkeit und mit einem zulässigen Hauch von Selbstverliebtheit. Erstaunt stellten viele Deutsche fest, daß sie sich so gar nicht kannten - und damit gefielen sie sich und der ganzen Welt.

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