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Wettbewerb : Die Fußball-WM ist Großkampfzeit gegen Produktpiraten

Beschlagnahmte Fälschungen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Polizei und Zoll stellen sich auf eine Hochkonjunktur für Markenpiraterie während der Fußball-WM ein. Die Europäische Kommission will mit strengeren Strafen gegen professionelle Fälscher vorgehen.

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          Während der Fußball-Weltmeisterschaft herrscht für die Polizei Ausnahmezustand. Sie wird sich in den nächsten Wochen nicht nur um randalierende Fußballfans, Taschendiebe und Verkehrsrowdys kümmern müssen. Großkampfzeit ist auch im Hinblick auf eine ganz andere Art von Delikten: Die Fußball-WM ist eine Hoch-Zeit für Produktfälscher. Der Welt-Fußballverband Fifa besitzt auf viele Fanartikel die alleinigen Rechte und fürchtet große Schäden durch Produktpiraterie. Der Kampf von Polizei und Zoll gegen die WM-Fälscher beginnt jedoch nicht erst an diesem Freitag. Adidas-Chef Herbert Hainer berichtete kürzlich, sein Unternehmen arbeite seit langem eng mit dem Zoll zusammen und beschäftige Dutzende von Anwälten, die Fälschungen nachgingen. Im vergangenen Jahr seien zwischen vier und fünf Millionen gefälschter Artikel konfisziert worden.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          An den Außengrenzen der Europäischen Union werden jährlich fast 100 Millionen Fälle von Fälschungen festgestellt. Auf der ganzen Welt wird der Schaden durch Produkt- und Markenpiraterie, also das unerlaubte Nachahmen und Vervielfältigen von Waren und Ingenieurleistungen, mit rund 300 Milliarden Euro jährlich beziffert. Durch den zunehmenden Internethandel hat sich das Problem verschärft. Nach Schätzungen entfallen 10 Prozent des Welthandelsvolumens auf den Ex- und Import von Fälschungen. Chinesische Unternehmen sind nach den Erfahrungen von Zoll und Polizei daran überproportional beteiligt. Angeblich werden in China zwei Drittel aller unrechtmäßigen Kopien hergestellt; im übrigen tun sich osteuropäische Fälscher negativ hervor.

          30 Milliarden Euro Schaden jährlich

          Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) schätzt allein den Schaden in Deutschland auf 30 Milliarden Euro jährlich - besonders in der Konsumgüterindustrie, dem Maschinenbau und in der Modebranche, aber auch im Schiffbau, in der Keramik-, Musik- und der pharmazeutischen Industrie. Zu beklagen sind zudem der Verlust von bis zu 50.000 Arbeitsplätzen, Produkthaftungsprozesse wegen minderwertige Fälschungen sowie Imageschäden für die Unternehmen. Nicht alle können sich teure Wettbewerbsklagen gegen die Kopierer leisten, die schwer zu finden und deren Straftaten schwer nachzuweisen sind. Nicht selten ist die Grenze zwischen Plagiat und Konkurrenzprodukt fließend.

          Aufsehen erregt derzeit ein Plagiatsstreit zwischen Tchibo und dem Unternehmen Sennheiser. Vor zwei Monaten mußte Tchibo den Verkauf eines faltbaren Kopfhörers für 5,99 Euro nach einer gerichtlichen Verfügung auf Betreiben Sennheisers stoppen. Sennheiser wirft Tchibo vor, es handele sich um ein Plagiat. Der Kopfhörer sehe Sennheiser-Modellen täuschend ähnlich, auch der Faltmechanismus, den man sich habe patentieren lassen, sei der gleiche. Im April ließ Sennheiser sogar 50.000 Kopfhörer aus dem Tchibo-Lager beschlagnahmen. Tchibo bezweifelt indes, daß in dem Fall die Patentrechte überhaupt greifen. Nun streben beide Seiten eine gütliche Einigung an.

          Schutz des geistigen Eigentums

          Nicht von ungefähr brachte Bundeskanzlerin Angela Merkel den Schutz der Urheberrechte während ihrer China-Reise im Mai auf die Tagesordnung. Das Ergebnis war eine Erklärung des guten Willens: Die Textilverbände der Bundes- und der Volksrepublik unterzeichneten ein Abkommen zum Schutz des geistigen Eigentums. Darin verpflichtet sich die chinesische Textilindustrie zum Beispiel dazu, Ausstellern, die mit gefälschten Produkten auffallen, die Teilnahme an Messen zu verbieten. Die Verbände sicherten sich gegenseitig Hilfe bei Rechtsverletzungen zu. Der Gesamtverband der Textilindustrie hält das Abkommen für einen „Meilenstein auf dem Weg, Marken, Designs und Patente konsequent zu schützen“; es könne Vorbild für andere Wirtschaftszweige sein.

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