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Vor dem Achtelfinale : Hellwach an Mittsommer

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Der Übersteiger: Die FAZ.NET-Fußball-Kolumne - auch zur WM Bild: fem

Wenn im Norden Mitsommer gefeiert wird, treten Schweden und Deutsche im Achtelfinale gegeneinander an. Dabei verbindet uns doch so viel: Wir haben ihnen eine Königin gegeben, sie uns Ikea und H&M. Ein Einblick in eine einzigartige Verbindung.

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          Eigentlich wäre das deutsch-schwedische Achtelfinale bei der Fußball-WM die perfekte Gelegenheit für die schwedische Königin Silvia, ihrer alten Heimat mal wieder einen Besuch abzustatten. Schwerer als ihre deutschen Wurzeln wiegen aber die Gepflogenheiten in dem skandinavischen Land - und da könnte der Termin für das Spiel kaum ungünstiger liegen: Am Samstag feiert ganz Schweden die Mittsommernacht, „das wichtigste und heiligste Fest der Schweden“, wie Botschaftsrat Gösta Grassman erklärt. „Ich bin aber überzeugt, daß die ganze Königsfamilie das Spiel im Fernsehen schauen wird.“

          Egal, wie das Spiel der deutschen Nationalelf und des schwedischen „Drei-Kronen-Teams“ also ausgehen wird - gefeiert wird in Schweden auf alle Fälle. Schließlich geht es um die kürzeste Nacht, beziehungsweise den längsten Tag des Jahres, und da tanzt der Schwede an sich nach Vorstellung der Deutschen ohnehin den ganzen Tag um Bäume herum und trinkt, was das Zeug hält. Diese Vorstellung vieler Deutschen von Schweden speist sich nicht nur aus der Werbung für Ikea, der Deutschen liebster Einrichtungsquelle. Tatsächlich ist Schweden für viele Deutsche ein beliebtes Urlaubsziel.

          Wir wirtschaften gemeinsam

          Ob es an der Beliebtheit von Pippi Langstrumpf und ihrer „Mutter“ Astrid Lindgren liegt oder an der Blondheit der Schwedinnen und Schweden - immerhin fast ein Drittel der ausländischen Touristen in dem skandinavischen Land kommt aus Deutschland. Schließlich sind ja auch die Sprachen so weitläufig verwandt, daß man als Deutscher in Schweden zumindest beim Lesen recht viel verstehen kann. Und fährt man gar über Weihnachten in das nordische Land, muß man sich - abgesehen von der ganztägigen Dunkelheit - gar nicht großartig umstellen: Der schwedische Weihnachtsmann ist deutsch - „aber viele Schweden glauben dennoch an ihn“, wie es auf einer schwedischen Internetseite heißt.

          Da lacht der Schwede: Achtelfinale zu „Midsommar”

          Schließlich führen die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nicht nur von Deutschland nach Schweden, sondern durchaus auch umgekehrt: Rund 17.000 Schweden leben nach Angaben der schwedischen Botschaft in Deutschland. Das liegt auch daran, daß in dem - aus skandinavischer Sicht - südlichen Land etwa 650 schwedische Betriebe angesiedelt sind. Der größte davon ist nicht etwa Ikea oder die Kleiderkette H&M, sondern der Stromversorger Vattenfall, der laut Grassman der größte industrielle Arbeitgeber in Ostdeutschland ist. Insgesamt 22.000 Menschen beschäftigt Vattenfall demnach in Ostdeutschland, Berlin und Hamburg.

          Die Königin gehört zu uns

          Zudem ist Deutschland für Schweden der „absolut wichtigste Handelspartner“, wie Grassman erklärt. Laut Auswärtigem Amt ist Deutschland mit einem Anteil von einem Zehntel nach den Vereinigten Staaten das zweitgrößte Zielland weltweit für schwedische Exporte. Umgekehrt steht der Exportweltmeister Deutschland unter den Ursprungsländern schwedischer Importe mit einem Anteil von knapp einem Fünftel mit großem Abstand an erster Stelle.

          Bekanntester deutscher „Exportartikel“ nach Schweden ist aber sicherlich Königin Silvia. Bei einem der vergangenen sportlichen Großereignisse in Deutschland, den Olympischen Spielen 1972 in München, arbeitete die ausgebildete Dolmetscherin als Chef-Hosteß und fiel dabei dem schwedischen Thronfolger Carl Gustaf auf, der sie mit dem Fernglas beobachtete. Zunächst mußte die junge Liebe wegen der bürgerlichen Herkunft der Auserwählten im Verborgenen blühen, aber fast auf den Tag genau 30 Jahre vor dem Achtelfinale in München heirateten die beiden am 19. Juni 1976, bekamen drei Kinder und erfreuen sich noch heute wegen ihrer zurückgenommenen Art außerordentlicher Beliebtheit bei ihren sehr auf Gleichheit bedachten Untertanen.

          300.000 Fans rollen an

          Ebenfalls großer Beliebtheit erfreut sich bei den Nachfahren der Wikinger auch - wie in Deutschland - der Fußball. Dazu gehört aber, daß der Damenfußball eine viel größere Rolle spielt als in Deutschland, auch wenn die deutschen Frauen - übrigens im Finale gegen die Schwedinnen - schon den Weltmeister-Titel errungen haben, dem deutsche wie schwedische Männer am Samstag einen Schritt näher kommen wollen. Bei schwedischen Mädchen rangiert Fußball als beliebteste Sportart gleich hinter dem Reiten auf Platz zwei.

          Entsprechend haben sich auch zahlreiche Schweden - Männer wie Frauen - zur WM auf nach Deutschland gemacht. 300.000 Fans wollten den Angaben zufolge gen Süden aufbrechen, um ihr „Drei-Kronen-Team“ zu unterstützen, das nun im Achtelfinale auf den Gastgeber trifft. Dabei gibt man sich durchaus selbstbewußt: Man müsse optimistisch sein, und die Schweden hätten auch eine „sehr realistische Einschätzung der deutschen Mannschaft“, sagt Botschaftsrat Grassman. „Aber dennoch glaube ich: 2:1 für Schweden!“

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