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Übersteiger : Mit der Schweden-Mütze im Deutschland-Rausch

Der Übersteiger: Die FAZ.NET-Fußball-Kolumne - auch zur WM Bild: FEM

Mein erstes Public Viewing bei einem Deutschland-Spiel. Ohne Deutschland-Trikot, das hatte ich nach der EM 2004 einem guten Zweck zur Verfügung gestellt. Dafür mit Baseballmütze, leuchtend blau mit gelbem Schriftzug. „Sweden“. Wollen doch mal seh'n.

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          Samstag nachmittag, mein erstes Public Viewing bei einem Deutschland-Spiel. Bisher hatte die WM für mich hauptsächlich im Büro vor dem Fernseher stattgefunden, nun also endlich das allseits beschworene Gemeinschaftsgefühl.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Aber was anziehen? Mein Deutschland-Trikot hatte ich leider nach den Rudi-Völler-Festspielen in Portugal 2004 einem guten Zweck zur Verfügung gestellt. Und mit Deutschland-Fahnen war unser Haushalt traditionell noch nie besonders gut ausgerüstet. Andererseits hatte ich da noch meine Lieblings-Baseballmütze. Leuchtendes blau mit gelbem Schriftzug. „Sweden“. Die zieh ich an. Wollen doch mal seh'n.

          Der Vater denkt an Enterbung

          Auf den Rheinwiesen in Hattenheim im Rheingau war am frühen Nachmittag schon die Hölle los. Beim wahrscheinlich einzigen Public Viewing der Welt ohne Bierausschank - es ist von sechs Winzern organisiert und hier trinkt man Riesling, Weißburgunder oder Wasser - hatten sich schon sämtliche Fußballfans der Region eingefunden. Die Stimmung ist mitreißend, nur mein Vater denkt kurzfristig an Enterbung, als er mich mit meiner Schweden-Mütze sieht.

          Ich bringe mich in der Erbfolge wieder in Position, als ich die nächste Runde Wein hole, auch für die „Samstagsmaler“ am Tisch, die mich mit schwarz-rot-goldenem Farbstrich auf beiden Wangen an meine vaterländischen Pflichten erinnern. Bei der schwedischen Nationalhymne stehen nur drei Menschen auf, das finde ich schade, bei der deutschen stehen alle, und singen einwandfrei die dritte Strophe: ich bin tief beeindruckt.

          „Waterloo“ würde Abba singen

          Dann das Spiel. Was soll man sagen. Auch gegen das grelle Sonnenlicht sieht das Spiel hinreißend aus. Für die Skandinavier herrscht dunkle Finsternis in der Mittsommernacht. Ein schwarz-weißer Wirbelsturm fegt über ihre Ikea-Abwehr hinweg. „Waterloo“ würde Abba singen. Meine Schweden-Mütze fliegt schon in der vierten Minute in die Luft, so wie die Menschen beim „Wunder von Bern“ mit ihren Hüten jubelten.

          In der zwölften kein Halten mehr. „Deutsch-land, Deutsch-land“. Ich werde zum Lieblings-Schweden auf Lebenszeit ernannt und freue mich, daß ich mit meinen richtigen Landsleuten so herrlich unverkrampft feiern kann. Auch als Schwede.

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