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Übersteiger : Info-Wellen im Schwimmbad

Der Übersteiger: Die FAZ.NET-Fußball-Kolumne - auch zur WM Bild: FEM

Ein spielfreier Tag, die WM hat Ruhe vor den letzten Gefechten. Ein Tag wie gemacht für einen Schwimmbadbesuch. Plötzlich dringen auf der Liegewiese Gesprächsfetzen ans Ohr: „Italien ... Schiedsrichter ... bestochen ... Wiederholung.“ Kurz darauf schwappt ein Info-Tsunami durchs Bad.

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          Ein spielfreier Tag, die WM hat Ruhe vor dem letzten Gefecht. Blauer Himmel, klar: Italien und Frankreich stehen im Finale. Ein Tag wie gemacht für einen Schwimmbadbesuch. Rumliegen, Plantschen, die 119. Minute noch mal in Gedanken durchspielen. Der Geruch von Sonnencreme und Pommes-Fett liegt in der Luft. Gedämpftes Kindergeschrei. Ab und zu ein Pfiff. Abseits? Nein: der Bademeister. Bitte nicht vom Beckenrand springen. Plötzlich dringen Gesprächsfetzen ans Ohr. „Italien … Schiedsrichter … bestochen … Wiederholung.“

          Drei etwa zehnjährige Jungs sind in heller Aufregung. Diskutieren über die Wahnsinns-News. Das Halbfinale war verschoben. Kam alles raus. Der Schiri für immer gesperrt. Es gibt ein Wiederholungsspiel. Gleich morgen Abend. Absurd. Aber die Nachricht wird aufgenommen, schwappt von Strandmatte zu Badehandtuch. Alle sind Deutschland, alle sind WM-Experten.

          „Möglich isses, denk an Juve“

          Zwei Mütter laufen konsterniert zum Imbißbudenbesitzer. „Hast Du schon gehört?“ Der wischt mit der Grandezza des langjährigen Wirtes die Theke sauber, verzieht keine Miene, hat schließlich schon viel erlebt, meint schließlich: „Möglich isses, denk an Juve.“ Eine zuvor ganz relaxte Studentin gibt ihrem Handygespräch mit der besten Freundin eine dramatische Wende: „Du, das Spiel wird wiederholt.“ Es ist die größte Welle im ganzen Schwimmbad.

          Ungläubiges Kopfschütteln hier, erwartungsfrohes Herzpochen dort. Ein Wichtigtuer telefoniert stehend mit seinem Kumpel zu Hause, informiert über den Sachverhalt, gibt Anweisung zur Recherche, wartet, legt auf, streckt sich: „Spiel wird wiederholt“, sagt er in amtlichem Tonfall. Und die Italiener hätten auch Fallen trainiert, auf einem Nebenplatz. Sei jetzt auch rausgekommen. Habe er gelesen. Wo genau, weiß er nicht mehr.

          Der Info-Tsunami schwappt durchs Bad

          Die Zehnjährigen jubeln, eine Mutter denkt pragmatisch: „Jetzt muß ich mehr Fleisch einkaufen fürs Grillen.“ Aber Fragen bleiben auch im Informations-Zeitalter offen: Wo wird gespielt? Um wieviel Uhr? Und warum überhaupt Wiederholung? Wenn doch geschoben wurde, müsse das doch zur Disqualifikation führen. Der Sachverhalt wird neu diskutiert und ein neuer Info-Tsunami schwappt durchs Bad. Es gibt gar keine Wiederholung. Deutschland steht direkt im Finale. Italien ist ausgeschieden. „Ihr könnt nach Hause fahr'n.“

          Ehe sich eine Polonaise bildet, ruft ein besonnener Badegast in der Redaktion seines Vertrauens an. Keine dreißig Sekunden später ist die Blase geplatzt, die Wandersage gestorben. Deutschland spielt wie gehabt um Platz drei am Samstag gegen Portugal. „War ja klar.“ Aber Restzweifel bleiben. Vielleicht sollte man am Abend mal kurz den Fernseher anmachen, so gegen neun. Man weiß ja nie. Vielleicht gibt's ja doch ein Fußballspiel.

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