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Übersteiger : „Bleibt alles anders?“

Der Übersteiger: Die FAZ.NET-Fußball-Kolumne - auch zur WM Bild: fem

Wenig Tore, viele davon durch Joker. Viel Schwarz-Rot-Gold inmitten von Fans und Farben der Gastländer. Alle Teams haben sich einmal gezeigt. Und wir haben die Angst vor der Welt verloren, zwei Spiele und Zuversicht gewonnen.

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          Gerade war noch Eröffnungsspiel, jetzt begann schon der zweite Gruppen-Spieltag. Das erste Viertel der WM ist vorüber, wir haben alle Teams einmal gesehen, die Angst vor der Welt verloren, zwei Spiele und neue Zuversicht gewonnen. Deutschland begeistert als einig Fußball-Land die Welt und sich selbst. Die Mannschaft spielt erfolgreich und schön, das Publikum freut sich darüber und feiert ein Fußballfest nach dem anderen. Und sogar das Wetter ist gut. Fast zu gut, bei über 30 Grad im Schatten.

          Der Begeisterung tut es keinen Abbruch, daß die 822.605 Zuschauer in den offiziell ausverkauften und faktisch sogar fast vollen Stadien sowie die mehreren Millionen vor den ungezählten Großbildleinwänden des Landes bisher eine torarme WM erlebten. In den 16 Spielen des ersten Gruppen-Spieltags fielen nur 39 Tore, im Schnitt 2,44 pro Spiel. Das häufigste Resultat war der kleinste aller Siege: 1:0. Daß auch das begeistern kann, zeigte das erste Spiel des zweiten Gruppen-Spieltags: das deutsche 1:0 in der Nachspielzeit gegen Polen hat das Feuer der Begeisterung noch einmal gesteigert.

          Das Publikum genießt, goutiert - und gewinnt

          Der Trend geht zu geschickt eingesetzten Jokern. Oliver Neuville war der bislang letzte in einer erstaunlichen langen Reihe erfolgreicher Einwechselstürmer: Sami-Al Jaber (Saudi-Arabien) traf mit seinem ersten Ballkontakt, Tim Cahill (2 Treffer) und John Aloisi (beide Australien) machten in acht Minuten aus einem 0:1 ein 3:1. Und Ahn Jung-Hwan (Korea) markierte das Siegtor gegen Togo.

          Die Spiele sind erstaunlich fair, was sich nicht nur an den Zahlen (erst ein Strafstoß und eine Rote Karte gegen den Ukrainer Waschtschuk, und beides war unberechtigt), sondern vor allem am Augenschein der Spiele abzulesen ist und am Umgang der Akteure nach Schlußpfiff miteinander. Fußball ist Popkonzert und großes Theater, die Stadien sind Arenen und Bühnen, die Fußball-Profis Künstler und Bühnenarbeiter gleichermaßen. Sie brauchen einander, kennen sich, achten sich. Das färbt ab auf das Publikum. Es genießt, goutiert, gewinnt dabei selbst.

          Party-Deko - nicht mehr, aber auch nicht weniger

          Ein Trend ist der unverkrampfte Umgang mit nationalen Symbolen, aus stolzen Flaggen und herrschaftlichen Wappen sind längst Folklore-Elemente in bunten Farben geworden. Und die Deutschen sind neuerdings nicht nur stolz auf ihre Fahne, sondern auch auf ihre ausländischen Freunde. Denn der frische schwarz-rot-goldene Wind weht um so befreiender dank seiner Begleitung vom gelb-grünen Sex-Appeal der Brasilianer, dem rot-weißen Karo der Kroaten, dem St. Georgs-Kreuz der Engländer. Attribute eines lange Zeit verachteten Hurra-Patriotismus gehören längst zur Party-Dekoration. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

          In einer globalen Zeit, in der längst multinational operierende Konzerne den Lauf der ökonomischen Welt bestimmen, sind die Nationalstaaten zu lokalen Größen herabgestuft worden. Auch deshalb kann man sich so locker dazu bekennen, weil die meisten Nationalteams aus Gastarbeitern bestehen, die nach der WM wieder in den großen europäischen Ligabetrieben mitspielen. „Zeit, daß sich was dreht“, heißt die WM-Hymne von Herbert Grönemeyer. Doch auch das große Fußballfest geht irgendwann zu Ende. Und dann möchte man mit einem früheren Hit des Bochumer Fußballfans fragen: „Bleibt alles anders?“

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