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Übersteiger : Aus dem Windschatten

Der Übersteiger: Die FAZ.NET-Fußball-Kolumne - auch zur WM Bild: fem

Der Vorrunden-Weltmeister wird fast nie Weltmeister. Denn die WM ist eine Art Tour de France, hoffentlich ohne Doping. Nur wer sich am Anfang im Windschatten hält, mitfährt, dranbleibt, nicht zu viele „Körner“ verbraucht, der ist bereit für die Gipfel, die am Ende kommen.

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          Daß eine Mannschaft wie auf einer Wolke durch ein WM-Turnier schwebt, bis zum Titel, ist nicht nur selten, es ist praktisch nie vorgekommen. Wenn überhaupt, dann 1958 und 1970 Brasilien mit Pele; vielleicht noch Argentinien 1986 mit Maradona. Nur die beiden großen Ausnahmespieler machten eine Ausnahme.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Für alle gewöhnlichen Fußballspieler gilt, daß am Ende einer gewöhnlichen WM ein Team oben steht, das unterwegs mal richtig schlecht war, einen müden Start hatte, handfeste Probleme lösen mußte: Zwist, Frust, Verletzungen. Oder Übergewicht. Und das zwischenzeitlich von der Masse des Publikums abgeschrieben worden ist. Das spräche nun für England. Oder Frankreich. Oder selbst Brasilien.

          Vorrunden-Weltmeister wird fast nie Weltmeister

          Das ist anders als in einer Ligasaison. In der läßt sich, was man am Anfang versäumt, auch mit guter Form am Ende oft nicht mehr gutmachen. In der Liga geht jede Runde mit dem letzten Punktestand weiter, also auch mit den alten Versäumnissen. Bei der WM fängt jede Runde bei Null an. Deshalb: Wer Herbstmeister wird, wird meist auch Meister. Wer Vorrunden-Weltmeister wird, wird fast nie Weltmeister.

          Das zeigen die Spanier, an deren Beispiel sich die Schwankungen der öffentlichen Wahrnehmung besonders gut darstellen lassen. Vor der WM hieß es: Die schaffen es doch nie - immer schön, immer erfolglos. Dann reichte ein einziger glanzvoller Sieg, das 4:0 gegen die Ukraine, sie zum Favoriten zu machen, zu einem kleinen Weltmeister der Herzen. Und dann, als sie sich doch als zu leichtgewichtig erwiesen hatten gegen das alte, aber immer noch schlagkräftige Schwergewicht Frankreich, da hatten es alle vorher schon geahnt.

          So schnell geht das, und so schnell ist Frankreich, vollends als Rentnertruppe abgeschrieben nach zwei müden Remis in der Vorrunde, nun schon wieder der heimliche Favorit gegen die Brasilianer. Von denen hieß es vorher, keiner könne sie schlagen; dann, nach dem müden Start gegen Kroatien, man habe das schon vorher sehen können, daß es diesmal nichts werde mit Brasilien; das dann, mit dem 4:1 gegen Japan, ein kräftiges „Na also“ auslöste und die Frage wiederbelebte: Wer soll die schon schlagen? Und jetzt sehen viele Brasilien schon wieder mit dem Rücken zur Wand stehen: gegen die Franzosen, die bis Dienstag noch von gestern waren.

          Was interessiert mich, was ich gestern sagte?

          Denn das ist auch Teil der WM: die Parallel-WM in den Köpfen. Keine demoskopische Kurve vor einer Bundestagswahl, kein „Polit-Barometer“ kann es mit dem irren Zickzack der Erwartungen, Prognosen, Meinungsänderungen im Laufe einer WM aufnehmen. Sie dokumentieren sich nur im stillen, in Zehntausenden Tip-Runden in Betrieben, Schulen, Familien, Kneipen. Frei nach Adenauer gilt hier: Was interessiert mich, was ich gestern sagte? Genauso tun es ja die Fußballspieler: Was interessiert mich mein Kick von gestern? Hauptsache, weiter, und das ohne Schäden. Durchwursteln, um dann erst am Ende, in diesen ein, zwei Spielen, in denen es zählt, alles zu zeigen. Deutschland wurde so 1954 Weltmeister, Italien 1982, Frankreich 1998.

          Denn in dieser Hinsicht ist die WM eine Art Tour de France, hoffentlich ohne Doping. Nur wer sich in den ersten Wochen im Windschatten hält, mitfährt, dranbleibt, nicht zu viele „Körner“ verbraucht, der ist bereit für die Berge, die am Ende kommen. Und dafür, im Ziel der Sieger zu sein, den alle Welt von Anfang an im Gefühl hatte.

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