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Übersteiger : Alles so schön rund hier!

Der Übersteiger: Die FAZ.NET-Fußball-Kolumne - auch zur WM Bild: fem

Fußball ist seit kurzem immer und überall. Er hat Deutschland mit Macht überrollt. Als Fan muß man nicht unbedingt ins Stadion pilgern, um mitzufeiern. Das WM-Gefühl hat sich wie ein gutartiger Virus dank pfiffiger Veranstalter nach wenigen Tagen bis in die hintersten Winkel der Republik ausgebreitet.

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          Als das 2:0 durch Ruud van Nistelroy fällt, kippt die Kugel Vanilleeis dann doch aus der Waffel und zu Boden. Doch dem Blondschopf im Oranje-Look ist das egal: Er reißt die Arme in die Luft und jubelt, wie es die Männer in gleichfarbigen kurzen Hosen zur selben Zeit auf der Großbildleinwand tun. Auch sein Papa meckert - ganz entgegen sonstiger Gepflogenheiten - nicht über das Mißgeschick. Sondern ruft fröhlich der Bedienung in der Eisdiele hinterher und bestellt ein weiters Hefeweizenbier. Ein Prosit auf die WM!

          Das Spiel Holland gegen Elfenbeinküste auf dem Marktplatz einer Kleinstadt am Rande des Rhein-Main-Gebiets ist eine runde Sache. Die Atmosphäre erinnert ein bißchen an die Fußball-Bundesliga zu Urzeiten. Die besten Ränge in der Fankurve vor dem historischen Alsfelder Rathaus sind Stehplätze: Dicht am Getränkestand und in Laufweite der Bude, in der ein Eintracht-Frankfurt-Fan grobe Bratwürste auf den Holzkohlegrill legt und zusammen mit einem Klecks scharfen Senf reihenweise unter die Massen bringt.

          Jeder ist ein Jürgen Klinsmann

          In dieser Arena geht es volkstümlich zu: die vorherrschende Garderobe ist sportlich leger, bei den Kleinsten sind Ballack- und Podolski-Trikots in der Überzahl, es wird geschimpft auf den zu groß gewachsenen Vordermann - Fußball pur, so wie jedes Wochenende in der Kreisliga A. Nur eine Spur aufregender. Dicht an dicht stehen die Leute, und da fast jeder ein verkappter Bundestrainer ist, fällt die Kommunikation über das gemeinsame Fachgebiet leichter als den Getränkenachschub zu organisieren. Ganz Clevere (oder Sparsame) haben ihn im Ablagefach des Kinderwagens gleich mitgebracht.

          Auf einmal kommt ein munter singender Trupp Mexikaner - die Männer stilecht mit Sombreros, die Frauen mit grün-weiß-roten Fahnen zu tief dekolletierten Tops gebunden - die Fußgängerzone entlang geschlendert. Müßten sie nicht längst in Nürnberg sein, wo ihre Idole in wenigen Minuten gegen Angola kicken? Tatsächlich: Eintrittskarten haben sie in durchsichtigen Brustbeuteln um den Hals hängen. Doch die Glücksfee war ihnen in der Fifa-Lotterie nicht hold: die Tickets, die sie gewannen, gelten für die Partie Japan gegen Kroatien am Sonntag. Ihrer Stimmung tut das keinen Abbruch. Sie legen einen Zwischenstopp in der historischen Modellstadt ein. Soviel Zeit muß sein bei ihrem vierzehntägigen Rundtrip durch die WM-Republik.

          Stadionkulisse vor Fachwerkhäusern

          Bemalt, ausgerüstet mit Tröten und Trillerpfeifen, pilgern sie in dieses Mini-Stadion zwischen Fachwerkhäusern und Kirche, von dessen Existenz sie aus dem Internet erfahren haben. Auch die Gäste haben rasch festgestellt: Der Fußball ist in diesen Tagen in Deutschland immer und überall. Er hat die Republik überrollt. Und man muß nicht unbedingt in einem der Stadien oder den großen Fanmeilen in Berlin, München oder Hamburg sein, um mitzufeiern. Das WM-Gefühl hat sich wie ein positiver Virus dank pfiffiger Veranstalter nach wenigen Tagen bis in die Provinz ausgebreitet.

          Schlußpfiff zu vorgerückter Stunde. Die Menge zerstreut sich noch lange nicht. Zu aufregend war das Spiel, auch der bislang langweiligste Kick bei diesem Turnier, das trostlose 0:0 der Mexikaner gegen Angola, bietet reichlich Stoff zum Diskutieren und Debattieren; nicht nur bei den Gästen aus Nordamerika, die bis Mitternacht Zeit haben, um zu ihrem Bus zu finden, der sie zum Campingplatz zurück kutschiert. Die Kneipen sind gut gefüllt.

          Auch wenn es in vielerlei Hinsicht angebracht ist, über die Fifa zu meckern, muß festgehalten werden: Mit den Fan-Festen, mit dem Public Viewing, so der Fachbegriff, hat der Weltverband den jungen Fans, dem Fan-Nachwuchs, eine bislang nie dagewesene Zugangsmöglichkeit erschaffen. Es erschließt Kreise von neuen Interessenten, die aus Neugierde mitgehen. Die WM raus aus den Stadien hinein ins weite Land zu bringen, war die weiseste Entscheidung, die die Fifa, das deutsche Organisationskomitee und Rechteinhaber Infront treffen konnten. Football's coming home, singen sie in den Stadien. Der Fußball kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Überall in Deutschland kann man in diesen Tagen in den Schlager einstimmen.

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