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Übersteiger : Achselhöhlen auf Nasenhöhe

Der Übersteiger: Die FAZ.NET-Fußball-Kolumne - auch zur WM Bild: fem

Die „Mixed Zone“ ist eine Schikane für Journalisten und Fußballspieler gleichermaßen. Doch die Welt braucht Antworten auf brennende Fragen. Etwa: „Wie enttäuscht sind Sie über die Niederlage?“ - „Ziemlich.“

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          Eine der wichtigsten Errungenschaften der modernen Medienwelt ist die "Mixed Zone". Es handelt sich dabei um die hinterhältige Idee, den einzigen Fluchtweg der Spieler aus dem Stadion an einer hüfthohen Bande vorbeizuführen, hinter der sich mit der Körperdichte einer Tokioter U-Bahn sogenannte Medienvertreter aufhalten dürfen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Deren wichtigste Fähigkeit für diesen Teil der Arbeit besteht darin, ein Aufnahmegerät möglichst lang am ausgestreckten Arm in Nähe eines Spielermundes halten zu können, ohne in Ohnmacht zu fallen. Denn die Welt braucht Antworten auf brennende Fragen nach Fußballspielen. Etwa: "Wie enttäuscht sind Sie über die Niederlage?" - "Ziemlich."

          Winken, Wedeln, Wimmern

          Die Mixed Zone hat zwei Seiten. Von der einen, aus Sicht des geduschten Spielers auf dem Weg in den Feierabend, Täschchen unterm Arm, Klapp-Handy in der Hand, sieht sie in etwa aus wie ein Zoogehege für den Tierpfleger bei der Fütterung. Seehundartige Werbegeräusche kommen von der anderen Seite des Zauns. Es ist ein Winken, Wedeln, Wimmern. Es ist das große Flehen, zu verweilen und einen Happen hinüberzuwerfen. Wird die Bitte erhört, bildet sich drüben sofort ein drängender Körperkeil von der Dichte beim Einchecken zum letzten Hubschrauber aus Saigon 1975.

          Asiatische Journalisten setzen dabei ihre Übung aus dem heimischen Nahverkehr ein. Südländische Reporter reichen gern gleich ihr Handy hinüber, mit dem der Kicker bei Radio Karacho & Co. sofort auf Sendung geht. Möglicherweise ist am anderen Ende aber auch nur eine Dame, der hier jemand imponieren will. Wetten, ich hole dir Figo ans Telefon?

          Zwei bis drei Tonnen schwitzender Reporterleiber

          Gern schieben sich Spieler fliehenden Blickes durch die Zone wie der gestreßte Tourist durch den marokkanischen Suk. Beliebteste Meidstrategie ist der Handy-Trick. Dabei flaniert man, scheinbar telefonierend, vorbei - so wie am Dienstag der französische Torwart Fabien Barthez. Den Landsmann Johan Micoud soll ein findiger Journalist einmal damit überrascht haben, daß er dessen Mobilnummer wählte, als Micoud sich gerade, das Ding am Ohr, an den Reportern vorbeistahl. Da klingelte es, und wie Micoud dabei guckte, wird immer wieder gern erzählt.

          Sonst hat man nicht viel zu lachen auf der anderen Seite der Mixed Zone. Dort steht man nämlich immer falsch. Entweder man steht dort, wo garantiert kein Spieler stehenbleibt. Oder er tut es doch, dann findet man sich augenblicklich von zwei bis drei Tonnen schwitzender Reporterleiber an die sich biegende Bande gepreßt. Binnen Sekunden schieben sich dutzendweise Mikro- oder Diktaphone an den Köpfen der ersten Reihe vorbei, wobei sich die Achselhöhlen der Armausstrecker stets in Nasenhöhe der eingeklemmten Vorderleute befinden. Der WM-Dauertest ergibt, daß in der dritten Turnierwoche im tropischen Kellerklima der Mixed Zone schon eine Armada versagender Deos zu beklagen ist.

          Wenn wieder mal ein Trainer klagt: Wir waren zu weit weg von den Leuten - wir empfehlen: Schicken Sie Ihre Leute in die Mixed Zone. Aber auf die andere Seite.

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