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Rassismus und Sport : Asamoah: „Nazis dürfen WM nicht kaputtmachen“

  • Aktualisiert am

Nationalspieler Asamoah: Affengebrüll und Bananenwürfe Bild: AP

Fußball-Nationalspieler Gerald Asamoah hat sich scharf gegen jede Form von Rassismus bei der WM ausgesprochen. „Wir dürfen denen keine Chance geben“, sagte er in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

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          Fußball-Nationalspieler Gerald Asamoah hat sich scharf gegen jede Form von Rassismus bei der WM ausgesprochen. „Wir dürfen denen keine Chance geben“, sagte der in Ghana geborene Bundesliga-Profi des FC Schalke 04 in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

          Sie sind seit fast zwei Wochen mit der Nationalmannschaft im Ausland unterwegs. Schauen Sie im Trainingslager Fernsehen?

          Sicherlich. Aber ich lese auch Zeitungen.

          Asamoah: Kampf gegen Rechts als Aufgabe für die Zukunft
          Asamoah: Kampf gegen Rechts als Aufgabe für die Zukunft : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Dann wissen Sie, daß im WM-Land Deutschland nicht nur die sportlichen Chancen der Nationalmannschaft diskutiert werden.

          Ich kann mir vorstellen, worauf Sie hinauswollen: die Nazis. Es gab ja auch sehr schlimme Vorfälle. Kein Wunder, daß viel darüber geredet wird.

          Wie denken Sie darüber?

          Wir dürfen denen keine Chance geben. Bestimmte Leute haben doch nur auf die große Plattform einer Fußball-Weltmeisterschaft gewartet, um dieses furchtbare Thema voranzubringen. Ich persönlich bin selbst betroffen von diesen Aktionen und finde es schlimm, welche Blüten der Rechtsradikalismus in Deutschland treibt. Es ist sehr traurig, was man jeden Tag darüber im Fernsehen sieht. Wir dürfen uns diese WM von den Nazis nicht kaputtmachen lassen.

          Sie selbst sehen sich rassistischen Parolen ausgesetzt. Eine Neonazi-Organisation verbreitet Poster und Hemden mit Ihrem Foto und der Parole „Nein, Gerald, du bist nicht Deutschland“. Was unternehmen Sie dagegen?

          Das hat mich sehr verletzt, aber ich bin zuerst nicht juristisch dagegen vorgegangen. Mit Unterstützung des DFB habe ich jetzt aber rechtliche Schritte eingeleitet und per einstweilige Verfügung generell die Veröffentlichung und Verbreitung dieses Plakats und des dazugehörigen Bildes untersagen lassen.

          Im neuen Verfassungsschutzbericht steht, daß rechte Straftaten um 27 Prozent zugenommen haben. Spüren Sie am eigenen Leib eine direkte Gefahr?

          Ich habe natürlich gegenüber vielen anderen Farbigen oder Ausländern in Deutschland den großen Vorteil, daß ich eine prominente Person bin. Bei mir traut sich keiner so schnell, mich in der Öffentlichkeit anzupöbeln, auch wenn er es vielleicht wollte. Ich selbst fühle mich nicht in Gefahr, aber ich habe Freunde, die sich im Moment nicht besonders wohl fühlen und auf der Straße beleidigt werden.

          Wie offenbart sich der Fremdenhaß im Fußballstadion, nachdem in Deutschland viel dagegen unternommen wurde?

          In der Bundesliga passiert eigentlich nichts. Da bleibt es bei ein paar wenigen Idioten auf der Tribüne. Die schlimmsten Zeiten sind wohl vorbei, als ich zum Beispiel in Cottbus noch mit Bananen beworfen wurde. In deutschen Stadien hat sich die Situation ganz deutlich gebessert. Im Uefa-Pokal mit Schalke kam in Sofia aber wieder dieses Affengebrüll von der Tribüne, wenn ich am Ball war. Wie mit der Nationalmannschaft in der Slowakei. Daran werde ich mich nie gewöhnen. Das macht mich immer wieder traurig.

          Unterhalten Sie sich im Nationalteam über dieses Thema?

          Natürlich wird mal darüber gesprochen. Aber jetzt in der WM-Vorbereitung möchte ich mich damit auch gar nicht belasten.

          Es hätte doch einen hohen öffentlichen Stellenwert, wenn die Nationalmannschaft zur WM die Ablehnung von Fremdenhaß noch einmal zum Thema machen würde.

          Hier bin ich nicht der richtige Ansprechpartner. Ich weiß, daß sich der DFB hier schon engagiert. Vielleicht sollten wir uns noch etwas einfallen lassen.

          Es gibt Befürchtungen, daß die WM von den Rechtsradikalen zu Aufmärschen genutzt wird.

          Natürlich habe ich davon gehört. Wir leben in einer Demokratie, wo jeder in den Grenzen der Gesetze machen kann, was er will. Schlimm ist nur, daß WM-Gästen durch solche Nazi-Aufmärsche ein negatives Grundbild von Deutschland vermittelt werden könnte. Die deutsche Vorgeschichte schwingt dabei eben immer mit.

          Wie sollten die Deutschen damit während der WM umgehen?

          Da fragen Sie mich? Ich habe einen Bericht im Fernsehen gesehen über einen 13 Jahre alten Jungen, der durch Freunde in diese Szene gekommen ist und fest dabei ist. Das hat mich schockiert. Ein Junge in diesem Alter, wie kann das sein?

          Ist es für Sie vorstellbar, sich als eine Art prominenter Streetworker für rechte Jugendliche zu engagieren, um sie vom Gegenteil zu überzeugen?

          Natürlich. Was ich als bekannter Fußballer sage, kommt bei gewissen Leuten vielleicht besser an. Der Kampf gegen Rechtsradikalismus könnte eine Aufgabe für die Zukunft sein, wenn ich meine Fußballkarriere beendet habe.

          Die Firma Nike hat im vergangenen Jahr eine Aktion gegen Fremdenfeindlichkeit gestartet mit Fußballstars wie Thierry Henry. Jeder kann sich mit einem schwarz-weißen Armband dazu bekennen. Finden Sie es nicht schade, daß Sie als Adidas-Mann nicht daran teilnehmen konnten?

          Ich trage das Band trotzdem.

          Finden Sie es richtig, daß als Schutz vor fremdenfeindlichen Übergriffen gefordert wird, gewisse Gebiete in Deutschland als besonders gefährlich für ausländische WM-Gäste zu deklarieren?

          Es ist schon ziemlich traurig, daß es soweit gekommen ist.

          Was sagen Ihre Angehörigen und Freunde in Ihrem Geburtsland Ghana zu dieser Entwicklung?

          Die meisten wissen ja, was in Deutschland passiert.

          Ist die deutsche Gesellschaft aus Ihrer Sicht noch eine offene, fremdenfreundliche Gesellschaft?

          Ja, schon. Natürlich hat Deutschland das Problem mit seiner speziellen Vorgeschichte, die immer wieder hoch kocht. Ich weiß auch, daß manche im Ausland sehr negativ über Deutschland denken und sagen, es sei ein Land der Rassisten. Es gibt auch Leute, die mich fragen, weshalb ich überhaupt für Deutschland Fußball spiele; für ein Land, welches Schwarze nicht akzeptiert, sagen die dann. Aber ich fühle mich sehr heimisch in Deutschland. Deutschland ist ein Land, in dem man sich als Ausländer wohl fühlen kann. Ich lebe schon lange hier und habe mich nie richtig unwohl gefühlt.

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