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Portugal vor dem Halbfinale : Die Stunde der Krieger - das Prinzip Scolari

Liebt die Siegerpose: Portugals Trainer Luiz Felipe Scolari Bild: picture-alliance/ dpa

„Fußball ist Krieg, und im Krieg mußt du töten, sonst töten sie dich. Wer jetzt noch dabei ist, das sind die Starken, die Krieger.“ Originalton Scolari, den viele Portugiesen inzwischen gerne als Regierungschef sähen.

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          Wie immer die Rechnungen auch ausfallen, Portugal ist unter den Halbfinalisten der Fußball-Weltmeisterschaft immer der Kleinste und Letzte, das einzige Land neben drei historischen Fußballnationen, das noch nicht Weltmeister war. Man hat die Runde der letzten vier als Triumph des alten Europa bezeichnet, als Bestätigung der Europäischen Union, als Wiederkehr trockener Tugenden wie Fleiß, Willenskraft, Disziplin und Leidensbereitschaft. Auch hier meint man am wenigsten Portugal, das 1958 bei den Römischen Verträgen nicht dabei war, sondern erst 1986 der Europäischen Union beitrat und von dem es lange hieß, es habe es besonders nötig.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Das hat es immer noch. Nur im Fußball hat sich etwas verändert. Und auch das ging so leise vor sich, daß es kaum jemand bemerkt hat, als fielen zehn Millionen Portugiesen nicht ins Gewicht. Besonders wenig merkte man davon in Spanien, das dem iberischen Nachbarn mit gelangweilter Geringschätzung den Rücken zu kehren pflegt; für Spanien ist die WM zu Ende, seit Zidane, der in der spanischen Presse schon aufs Altenteil geschoben worden war, die Männer in Gelb und Rot mit einem lässig herausgespielten Tor aus dem Turnier kickte.

          „Fußball ist Krieg“

          In Portugal dagegen fängt das Feiern erst richtig an. Aber den Leuten steht nicht der Glanz des jogo bonito in den Augen wie vor vier Jahren, als die „goldene Generation“ um Figo und Rui Costa für eine Renaissance hoher Spielkultur mit attraktiven Kombinationen und vielen Toren sorgte. Nein, das neue Fußball-Portugal hat sich der Kriegermentalität seines Trainers Luiz Felipe Scolari verschrieben, des kompromißlosesten und sicherlich autoritärsten unter den vier Übungsleitern im Halbfinale. „Die Mannschaften, die hübsch spielen, sind schon nach Hause gefahren“, sagt Scolari. „Fußball ist Krieg, und im Krieg mußt du töten, sonst töten sie dich. Wer jetzt noch dabei ist, das sind die Starken, die Krieger.“

          Ob das den Portugiesen gefällt, ist unerheblich. Wenn Erfolg winkt, sind den Fans hochtrabende Deutungen egal. Vom Fußball als Spiegel der Gesellschaft redet man ohnehin nur, wenn es im Spiel nicht richtig läuft. Viele Portugiesen, heißt es, wünschen sich den 1948 geborenen Brasilianer Scolari als Regierungschef, damit er das Land in Ordnung bringt. Bisher ist allerdings nicht einmal sicher, ob er mit der Überraschungsmannschaft des Turniers über den 31. Juli hinaus weitermacht. Diesseits solcher Verehrungsattacken kann man festhalten: Nicht alles, aber sehr vieles, was die WM 2006 an Erkenntnissen gebracht hat, läßt sich mit Portugals Trainer erklären.

          Der Aggressivere gewinnt

          Felipe Scolari kommt aus dem brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul, genau wie Ronaldinho. Vor drei Wochen hätte noch niemand darauf getippt, doch jetzt wissen wir, wer von beiden sich durchgesetzt hat. Nicht der Dribbelkönig mit dem Kinderlächeln, der Nike-Boy, der Liebling der Werbespots, der Weltfußballer des Jahres. Sondern der hart arbeitende, herumkommandierende Scolari, der Mann, der einen Bauch vor sich herträgt und die Faust ballt, wenn er es ernst meint, der vor vier Jahren eine brasilianische Mannschaft zum WM-Titel führte, die längst nicht alle weltmeisterlich fanden, der Mann, der auch den portugiesischen Platzhirschen Figo domestiziert und zu seinem Adjutanten erklärt hat, damit auf dem Platz einer da ist, der die Befehle weiterträgt. So ist Scolari. Und auf dem Spielfeld regiert bei den Portugiesen das Scolari-Prinzip.

          Typischerweise steht dort mit Deco ein weiterer Brasilianer, allerdings mit portugiesischem Paß, und warum? Weil Deco vor ein paar Jahren nicht sicher war, bei den Brasilianern mitspielen zu dürfen: zu „unbrasilianisch“. Hätten sie ihn mal gelassen. Denn Deco, Ronaldinhos Vereinskamerad beim FC Barcelona und dort für seine stille, aber wertvolle Mittelfeldarbeit hoch geschätzt, hat es jetzt weiter gebracht als die Zauberfußballer, weil es bei diesem Spiel im allgemeinen nicht um Zauberei geht. Vielleicht in seltenen Momenten, und man muß sie sich zu schaffen wissen. Aber nicht beim Stand von 1:1 in der 87. Minute. Auch Portugal spielt nicht schön. Figo ist dafür zu alt, Deco zu klug. Aber sie sind zäh. Der Verlauf der Viertelfinalspiele, die selten ästhetischen Reiz besaßen, hat gezeigt, daß der Aggressivere gewinnt.

          Vielleicht erklärt sich so, daß bisher keiner der großen Stars - von Ronaldo, Ronaldinho und Kaka bis zu Totti, Henry oder Ballack - die Zuschauer begeistert hat. Nur Zidane in anderhalb Spielen, auf den letzten Metern seiner Karriere. Daneben glänzen die Kämpfer und Rackerer und schießen auch noch die schönsten Tore: Frings für Deutschland, Maxi Rodriguez für Argentinien, Maniche und Deco für Portugal. Den portugiesischen Torwart nicht zu vergessen, Ricardo, der noch mehr Elfmeter gehalten hat als Lehmann. Dem brasilianischen Fußballhelden Tostao wird der Satz zugeschrieben: „Schlimm, wenn der Torwart der beste Mann ist!“ Aber das war zu Zeiten der legendären Ballkünstler. Heute ist der Torwart ein Krieger, auf den Feldherren wie Scolari nicht verzichten können.

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