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Jürgen Klopp : Der Fußball-Pendler

  • -Aktualisiert am

Mann der Mitte: Jürgen Klopp Bild: picture-alliance/ dpa

Fußball-Weltmeisterschaft und Bundesliga, Berlin und Mainz: der Trainer Jürgen Klopp ist überall. Und wird überall gefeiert. Der vielseitige Unterhaltungskünstler wandelt auf Franz Beckenbauers Spuren.

          Am Sonntag mittag hatte Jürgen Klopp mal wieder ein Heimspiel. Raus aus dem Sony-Center am Potsdamer Platz in Berlin, von wo der 39 Jahre alte Diplom-Sportwissenschaftler als ZDF-Experte die Weltmeisterschaft analysiert und kommentiert, hinein in den Medienraum des Bundesligaklubs FSV Mainz 05. Bis halb eins war er in der Nacht zuvor auf Sendung gewesen, dann stieg Klopp ins Auto und war schnell eingeschlafen. "Aufgewacht bin ich erst wieder in Mainz-Gonsenheim." Dort wohnt der Mainzer Cheftrainer, gefahren hatte ihn David, ein ZDF-Mitarbeiter.

          Auch wenn Klopp in den vergangenen Wochen ähnlich präsent war wie Franz Beckenbauer (die Werbespots ausgenommen), einen Helikopter benötigt er in seiner Doppelfunktion nicht. Doch schön war es schon, "endlich wieder daheim zu sein". Keine Kringel und Kreuze auf seinem Monitor, keine Einschätzungen ("Man hat langsam das Gefühl, daß die deutsche Mannschaft etwas gewinnen kann"), kein Johannes B. Kerner, kein Urs Meier. Statt dessen: Basisarbeit bei seinem Arbeitgeber FSV Mainz 05, Pressekonferenz zum Saisonauftakt.

          Unterhaltungskünstler

          Nicht, daß der ZDF-Job Streß wäre für Klopp, das Wort kennt er nicht. "Keine Sekunde habe ich das so empfunden." Vier Spiele hat er live im Stadion gesehen in den zurückliegenden zwei Wochen, viele andere aus der Kameraperspektive analysiert. Und der Unterhaltungskünstler wird nicht nur auf seiner Homepage (www.juergenklopp.de) mit Liebesbezeugungen weiblicher Fans überhäuft, nein, die positiven Bekundungen sind übergreifend, von den Medienkritikern bis hin zu Zuschauern, die sonst keine Fußballübertragungen konsumieren. Und daß sogar Ronaldinho dem großen Blonden mit Brille und Dreitagebart ab und an zusieht, hält sich in der Szene als hartnäckiges Gerücht. Was alles so geschrieben wird über ihn, bekommt der Fachmann nicht mit, obwohl ihm vor seinen ZDF-Einsätzen stets eine Dokumentenauswahl vorgelegt wird. "Ich habe wenig über mich gelesen, kriege sehr wenig mit."

          Was in den Zeitungen steht, interessiert ihn auch im "normalen Leben" als Fußballtrainer nicht sonderlich. Nur manchmal, wenn einer seiner Profis - aus seiner Sicht ungerechtfertigt - abgewatscht wird, schreitet er ein und spricht dem Spieler sein Vertrauen aus. Doch ganz so entspannt, wie er sich meistens gibt, ist Klopp nicht immer. In der vergangenen Bundesligarunde, als es wochenlang nicht wirklich gut lief für Mainz 05, lobte er seine Mannschaft trotzdem und sprach einigen Journalisten die Fachkenntnis ab. Wider besseres Wissen. Beim ZDF hält er sich geschickt zurück mit guten Ratschlägen, beschränkt sich auf klare Analysen und Emotionen, am Samstag etwa stand er im Retro-Nationaltrikot auf der Bühne. Mit dem 54er-Leibchen würde er sich gegebenenfalls auch zu Bett begeben.

          Der ganze Medienhype scheint Klopp bisweilen etwas suspekt zu sein. Als ihm eine Boulevardzeitung beinahe eine ganze Seite widmete, kommentierte er dies mit den Worten: "Das ist genau das, was ich nicht brauche." Als ob etwas anderes zu erwarten gewesen wäre bei dieser Popularität. In den nächsten beiden Wochen wird Klopp ein Wanderer zwischen zwei Welten sein. Global als WM-Experte geht es schon an diesem Montag bei den beiden anstehenden Achtelfinalspielen weiter, deshalb wird er auch beim Laktattest von Mainz 05 fehlen.

          Danach sind erst einmal "vier Tage blank", später folgen noch drei Eintageseinsätze am Potsdamer Platz. Assistenztrainer Zeljko Buvac und Torwarttrainer Stephan Kuhnert sind während seiner Abwesenheit alleinverantwortlich tätig in Mainz. Alles kein Problem für die seit Jahren eingespielten Teamarbeiter Klopp, Buvac und Kuhnert, die "Geschwister Fürchterlich", wie Stadionsprecher Klaus Hafner sie am Sonntag nannte. Denn die erste Maßnahme, bei der die Anwesenheit von Klopp zwingend erforderlich ist, beginnt erst einen Tag nach dem WM-Finale: vom 10. bis 13. Juli steht im Allgäu ein sogenanntes Teambuilding an.

          Beim großen Stadionfest zum Trainingsauftakt kam der Kloppsche Urschrei aus dem Mai 2004 ("Wir sind in der ersten Liga!!!") vom Band, und als er im Dreierpack mit seinen Assistenten den Rasen betrat, hallte es aus zehntausend Kehlen "Jürgen, Jürgen, Jürgen..." Wenn er sich zur Mainzer Oberbürgermeisterwahl aufstellen lassen würde, der Wahlsieg wäre ihm gewiß. So bleiben eigentlich keine Fragen offen, außer jener vielleicht, was Jürgen Klopp denn mitnimmt von der großen WM-Party. "Nichts Stilbildendes auf dem Platz, aber wir sollten nicht vergessen, daß wir Deutsche freundlich sind."

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