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Irans Frauen und der Fußball : Ein Gott - und eine Mannschaft

  • -Aktualisiert am

Ahmadineschad will die besten Plätze für Frauen reservieren Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Mahmud Ahmadineschad nutzt die Fußball-WM für eine kleine Kulturrevolution: Frauen dürfen wichtige Spiele nun auch im Stadion sehen. Die feministischen Anwandlungen des iranischen Präsidenten verärgern konservative Ajatollahs.

          Kurz vor der erwarteten Entscheidung im Atomstreit zwischen Iran und dem Westen machte Mahmud Ahmadineschad erneut Furore. Der iranische Staatspräsident ließ übers Fernsehen verkünden, den Frauen sei es künftig gestattet, sich die „wichtigen Spiele in den Fußballstadien anzusehen“. Die besten Plätze sollten für sie reserviert werden. Die Frauen dürfen sich also mit ausdrücklicher Erlaubnis des Staatschefs die nackten Beine der Spieler anschauen. Es ist geradezu eine kleine Kulturrevolution, die Ahmadineschad im schiitischen Gottesstaat vorzunehmen gedenkt.

          Die feministischen Anwandlungen des Präsidenten füllten in den vergangenen Tagen die Titelseiten der Blätter des Landes. Noch einige Tage zuvor hatte Ahmadineschad seine eigene Klientel, die Hisbollahis, wegen ihrer Frauenfeindlichkeit gerügt. Diese ziehen derzeit gegen die sogenannten „schlecht Verschleierten“ zu Felde. Am Freitag dann versammelten sie sich vor den Toren der Universität und protestierten gegen den moralischen Verfall der Islamischen Republik. „Mit bloßen Worten ist es nicht getan. Die Macht der Herrschaft muß der Verderbnis Einhalt gebieten“, zitierten sie bei ihrer Kundgebung den Revolutionsführer Sayed Ajatollah Ali Chamenei. Sie forderten Ahmadineschad auf, die Zulassung der Frauen zu den Sportplätzen zurückzunehmen.

          Ajatollahs befürchten „moralische Verdorbenheit“

          Doch wichtiger als der Protest der Hisbollahi ist die scharfe Reaktion der Ajatollahs in Ghom auf den neuesten Einfall des Präsidenten. Hochrangige Kleriker, die als „Mardscha-e Taqlid“, als Vorbild der Nachahmung, gelten, verurteilten per Fatwa den für sie höchst befremdlichen Beschluß Ahmadineschads. Am schärfsten sprach Ajatollah Mohammad Fazel Lankarani: „Die Anwesenheit der Frauen, zusammen mit den Männern, auf den öffentlichen Sportplätzen ist nicht erlaubt, auch wenn die Frauen getrennt säßen.“

          Vom Präsidenten erlaubt: Ein Blick auf nackte Beine

          Laut Lankarani erlaubt der Islam nicht, „daß weibliche Blicke auf den männlichen Körper fallen, selbst wenn sie dabei keine Lust empfinden“. Außerdem sei der Islam für die Trennung der Geschlechter. „Wir sehen, welche moralische Verdorbenheit die Vermischung im Westen zur Folge hat.“

          „Unislamische Zeitvergeudung“

          Ein weiterer Mardscha, Ajatollah Golpayegani, meinte, alle Rechtsgelehrten verböten es, daß Männer und Frauen sich gegenseitig anschauen. Der dritte in der Runde, Ajatollah Makarem Schirazi, gab den „lieben Schwestern“ den Rat, sie sollten es sich zu Hause bequem machen und die Spiele live im Fernsehen verfolgen, statt sich in den unsicheren Raum der Stadien zu begeben, wo der Pöbel sie mit unanständigen Worten belästige. Selbst der geistige Mentor von Ahmadineschad, Ajatollah Mesbah Yazdi, zeigte sich verwundert über das Vorhaben seines Schützlings und forderte ihn auf, seinen Beschluß zu revidieren.

          Der klerikalen Macht war Fußball nie ganz geheuer. Die nackten Beine der jungen Männer betrachteten die weißbärtigen Greise als unsittlich, und hinter dem Ball herzulaufen erschien ihnen als unislamische Zeitvergeudung. Trotzdem oder gerade deshalb wurde Fußball zum Lieblingssport der Iraner. Das Stadion Azadi, auf deutsch „Die Freiheit“, mit 100.000 Plätzen ist jeden Freitag brechend voll und zieht damit mehr Menschen an als das Gebet am islamischen Feiertag.

          Fußball eint das Volk

          Nicht die Atomtechnologie empfinden die meisten Iraner als eine Frage der nationalen Ehre, wie die staatliche Propaganda Tag und Nacht behauptet, sondern den Fußball, der das Volk eint. Die gefeierten Helden sind die Stürmer der beiden wichtigen Mannschaften von Teheran, Persepolis und Esteqlal, die abwechselnd Tabellenführer in der ersten Liga sind. „Es gibt einen Gott, und der heißt Allah, und es gibt eine Mannschaft, und die heißt Esteqlal“, sagen die Fans des erfolgreichen Vereins.

          Dem Spiel mit dem runden Ball sind auch die Frauen verfallen. Mehr als einmal haben junge Mädchen versucht, gewaltsam in das Stadion einzudringen. 1997 sah die Welt am Fernseher zu, als Tausende von Frauen in Teheran ihre Kopftücher abnahmen und sie als Flagge des Sieges im Wind flattern ließen. Bis zum frühen Morgen tanzten und sangen die jungen Leute. Iran hatte im letzten Moment mit einem Tor gegen Australien gewonnen und sich damit für die Weltmeisterschaft qualifiziert.

          Ahmadineschad als „Frauenrechtler“

          Was hat Ahmadineschad, einen radikalen Islamisten, dazu bewogen, als „Frauenrechtler“ die Geistlichen in Ghom, die als seine Schirmherren gelten, herauszufordern? Will er die ohnehin unbeliebten Ajatollahs beim Volk noch weiter desavouieren? Denn er und seine Kameraden aus den Schützengräben des achtjährigen Krieges gegen den Irak betrachten sich als die wahren Erben des Ajatollah Chomeini. Wie der verstorbene Imam halten sie offenbar nichts von den „Steinzeitmullahs“, wie Chomeini die engstirnigen Rechtsgelehrten zu nennen pflegte. Der Begründer der Islamischen Republik hatte gegen den Widerstand der Mullahs in Ghom das Schachspiel erlaubt und Verhütungsmittel zugelassen. „Wenn das Wohl des islamischen Staates es erfordert“, sagte Chomeini, „könnte man die Gebote wie Fasten, Beten oder die Wallfahrt nach Mekka außer Kraft setzen.“

          Wie dem auch sei, angesichts der nahenden Weltmeisterschaft will Mahmud Ahmadineschad aus der Fußballbegeisterung der Iraner Kapital schlagen. Denn sein Versprechen, die Lage der Armen zu verbessern, kann er nicht einlösen. Und außenpolitisch führt der Präsident das Land in die Isolation, die viele Iraner fürchten. Hinzu kommt, daß der schmächtige Sohn eines Schmieds aus der Provinz es liebt, Schlagzeilen zu machen und sich an seinem Bild in der internationalen Presse zu ergötzen.

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