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Interview mit Marcel Reich-Ranicki : „Sport und Literatur sind verwandt“

  • Aktualisiert am

„Ach, 1990 war auch eine WM?”: Marcel Reich-Ranicki Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

In seinem ganzen Leben hat Marcel Reich-Ranicki nur ein Fußballspiel live im Stadion gesehen - vor mehr als 75 Jahren. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über Sport und Literatur, deutsche Fahnen und Völkerverständigung.

          In seinem ganzen Leben hat Marcel Reich-Ranicki nur ein Fußballspiel im Stadion gesehen - vor mehr als 75 Jahren. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erzählt er, warum er selbst zu einem WM-Endspiel mit Deutschland nicht ins Stadion gehen würde, warum der Sport für die Literatur uninteressant ist und warum die zahllosen deutschen Fahnen wenig mit Patriotismus zu tun haben.

          Haben Sie jemals ein Fußballstadion betreten?

          Ja, das war im Jahre 1930 oder 1931 in Berlin im Stadtteil Gesundbrunnen. Dort sah ich ein Match von Hertha BSC gegen irgendeine andere Mannschaft, an die ich mich nicht erinnern kann. Wohl aber kann ich mich an die Namen der bedeutendsten Spieler von Hertha BSC erinnern. Daß ich damals dabei war, hat mich dann viele Jahre später in einer gefährlichen Lage gerettet, als ich im Getto einen deutschen Soldaten freundlich stimmen konnte, weil ich die Namen der Hertha-Spieler kannte. Er, der uns Juden soeben noch gequält und erniedrigt hatte, freute sich nun, in Warschau über deutschen Fußball sprechen zu können.

          Später haben Sie nie wieder ein Fußballspiel besucht?

          Nein, nie wieder. Ich bin zwar in Stadien gewesen, im Berliner Olympiastadion 1936 und später während der Olympischen Spiele in London, aber da ging es nicht um Fußball, sondern um Leichtathletik. Fußball hat mich wohl nicht besonders interessiert.

          Wissen Sie noch, wie Sie die Endspiele von 1954 und 1990 erlebt haben?

          Im Jahr 1954 war ich noch in Polen, da habe ich von der Weltmeisterschaft nichts mitbekommen.

          Und 1990?

          Ach, da war auch eine Weltmeisterschaft?

          Nicht so wichtig. Würden Sie denn eine Ausnahme machen und ins Stadion gehen, falls Deutschland ins Finale kommt?

          Nein, selbst wenn ich eine Einladung bekäme, würde ich nicht hingehen. Und zwar aus einem einzigen Grund: Auf dem Bildschirm kann ich das Spiel sehr viel besser sehen. Ich schaue mir jetzt auch Fußballspiele im Fernsehen an, aber nie lange. Ich habe bislang kein Spiel dieser WM ganz gesehen. Es wird mir doch sehr schnell langweilig.

          Woran liegt das?

          Eigentlich ist der Sport an sich für die Literatur uninteressant. Das hat einen Grund. Der Sport liefert dem Publikum all das, was die Literatur auch liefert. Ein Langstreckenlauf oder Boxkampf kann dramatischer sein als viele dramatische Werke. Sportwettkämpfe sind Volksbelustigungen, die Menschen, die nichts miteinander gemein haben, für die Dauer eines Boxkampfs oder eines Fußballmatches zu fast identisch reagierenden Gemeinschaften werden lassen. Vielleicht gehen viele Menschen ins Stadion, weil das Spiel sie betäubt oder berauscht.

          Wer hat mehr für die Völkerverständigung getan? Die Weltliteratur oder der Fußball?

          Dazu ist zunächst zu sagen, daß die Weltliteratur für die Völkerverständigung seit Jahrtausenden wirkt, Fußball hingegen noch nicht lange. Andererseits ist mir kein einziges Volk auf Erden bekannt, das am Fußballspiel nicht interessiert wäre. Warum ist das so? Ein Kollege berichtete mir neulich von seinen Gefühlen während des Spiels. Erst zittert er, sogar mit beiden Mannschaften, mal mit der einen, dann mit der anderen Seite. Und irgendwann geht der Ball ins Tor und zappelt im Netz. In diesem Augenblick, so sagte mir mein Kollege, sei er glücklich, und um dieses Glückes willen lohne es sich, 90 Minuten im Stadion zu sitzen. Übrigens, können Sie mir vielleicht sagen, warum Fußball so ungleich viel mehr Aufmerksamkeit erhält als Handball? Die Regeln sind doch gar nicht so unterschiedlich.

          Fußball ist artistischer als Handball. Ein weiter, mit dem Fuß geschlagener Paß ist eleganter als ein harter Wurf. Fußball kann Kunst sein, Handball ist immer Arbeit.

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