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Interview mit Innenminister Schäuble : „Party ist auch in Ordnung“

  • Aktualisiert am

Schäuble mit WM-OK-Chef Beckenbauer: Friedliche Feierstimmung Bild: picture-alliance/ dpa

Innenminister Schäuble (CDU) im Interview über die Sicherheit beim Fußballfest, deutsche Tore - und was das für die Regierung heißt. Kritik übt Schäuble an der Extremismus-Debatte vor der WM. Die Warnungen wären fehl am Platze gewesen.

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          Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) im Interview mit der Sonntagszeitung über die Sicherheit beim Fußballfest, deutsche Tore - und was das für die Regierung heißt. Kritik übt Schäuble an der Extremismus-Debatte vor der WM. Das Turnier zeige, daß die Warnungen fehl am Platze waren.

          Herr Schäuble, haben Sie sich auch eine Deutschland-Fahne gekauft?

          Nein. Denn ich habe schon eine Fahne in meinem Amtszimmer stehen. Und an meinen Rollstuhl mache ich keine Deutschland-Flagge, weil der Berliner Innensenator gesagt hat, Polizeifahrzeuge sollten keine Fahnen haben. Da ich als Bundesinnenminister oberster Dienstherr der Polizei bin, ist mein Rollstuhl auch ein Polizeifahrzeug im erweiterten Sinn.

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          Im Ernst: Hat sich Ihr Verhältnis zur deutschen Fahne und vielleicht zur Nation verändert seit Beginn der Weltmeisterschaft?

          Meines nicht. Aber mir gefällt, daß nun wahrgenommen wird: Die Deutschen, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, haben ein ebenso unverkrampftes Verhältnis zu ihrer Fahne wie andere Nationen. Neu ist das übrigens nicht: Nach der WM 1990 gab es auf dem Frankfurter Römer ein Meer von Fahnen beim Empfang der deutschen Mannschaft. Und auch vor dem Reichstag in der Nacht zum 3. Oktober 1990 gab es diese Bilder. Von nationalistischem Überschwang war schon damals nichts zu spüren. Kein Mensch muß sich vor diesem Deutschland fürchten.

          Ist das ein neuer Patriotismus oder bloß eine Party mit schwarzrotgoldenem Anstrich?

          Party ist auch in Ordnung. Daß die Leute gemeinsam feiern, ist mir lieber, als wenn alle zu Hause bei heruntergelassenen Rolläden sitzen und sich vollaufen lassen. Die Feiern auf der Straße sind doch die integrationsfreudigsten Veranstaltungen seit langem. Das ist kein neuer Patriotismus, sondern eine Etappe auf dem Weg, den wir seit dem Fall der Mauer gegangen sind. Seitdem hatten wir die Chance, uns in eine europäische Normalität zu begeben, ohne dabei unsere Vergangenheit zu vergessen.

          Wie gefällt Ihnen denn das Spiel der deutschen Elf?

          Es hat etwas Erfrischendes. Die Abwehr steht mittlerweile gut, trotzdem spielen sie nach vorn. Sie sind sehr fit, es gibt einen guten Zusammenhalt in der Mannschaft. Ich finde zudem, man sollte den Beitrag, den Olli Kahn dazu leistet, nicht vergessen, gerade weil Miroslav Klose und Jens Lehmann nun im Vordergrund stehen.

          Was halten Sie vom Trainer?

          Jürgen Klinsmann hat es in kurzer Zeit geschafft, eine Mannschaft zusammenzubringen, die Begeisterung vermittelt. Und sie hat in den bisherigen Spielen ordentlichen Fußball gespielt. Ich bin ja zuversichtlich, daß die Deutschen Weltmeister werden. Aber es wird auch eine tolle Weltmeisterschaft bleiben, wenn die Deutschen ausscheiden würden.

          Als Innenminister sind Sie verantwortlich für die Sicherheit. Warum läuft es bisher so gut?

          Wir haben ein Sicherheitskonzept, das sich bewährt. Die Zusammenarbeit mit den Polizeien der Länder, die die Hauptlast tragen, funktioniert sehr gut, auch die mit dem Organisationskomitee und den Fußballverbänden aller Teilnehmerländer. Und wir haben eine tolle Kooperation mit unseren ausländischen Partnerpolizeien. Viele potentielle Störer wurden an den Grenzen zurückgeschickt. Die Engländer haben 3.500 Ausreiseverbote erteilt. Mit den Polen, deren Fans man so schlechtgeredet hat, haben wir hervorragend zusammengearbeitet. Die Mehrzahl der Störer sind übrigens immer noch deutsche Hooligans.

          Neonazis haben bei der WM bisher keine Chance, Aufmerksamkeit zu erzeugen.

          Das wichtigste ist die tolle Atmosphäre unter den Fans. Sie macht es Menschen, die diese WM mißbrauchen wollen, um ihre abstrusen Botschaften zu verbreiten, schwer. Die friedliche Feierstimmung ist ansteckend. Ich bin sehr erleichtert, daß die Rechtsextremisten gar keine Chance haben, beachtet zu werden. Und ich finde auch: Diejenigen, die gemeint haben, sie müssen die Fans aus den afrikanischen Ländern davor warnen, nach Deutschland zu kommen, sollten in sich gehen und überlegen, ob sie weiterhin so unsinnige Dinge sagen.

          Sollten wir den Begriff der „No-go-Area“ aus dem politischen Vokabular streichen?

          Ich halte ihn nicht für richtig. Wir wissen, daß man in großen Städten nicht nur in Europa, sondern auch etwa in den Vereinigten Staaten, bestimmte Orte nach Einbruch der Dunkelheit nicht aufsuchen sollte, wenn man eine bestimmte Hautfarbe, vielleicht auch eine weiße, hat. Und nicht jede Frau und auch nicht jeder Mensch, der ein bißchen anders aussieht, ist an jedem Platz in der Bundesrepublik gleich sicher. Das ist schlimm, aber es ist so.

          Es wird kritisiert, daß mit einer Eintrittskarte jeder ins Stadion kommen kann, ohne daß sein Ausweis kontrolliert wird.

          Wenn wir prüfen wie bei Flugzeugpassagieren, müssen die Leute am Abend vorher kommen. Das geht nicht. Wir haben bisher drei Flitzer gehabt und zweimal Feuerwerkskörper - nach 50 Spielen. Das ist nicht schlecht. Es muß nicht alles zu hundert Prozent funktionieren. Bei den meisten Sachen reichen auch 98 Prozent. Unseren Gästen gefällt auch, daß die WM nicht überorganisiert und daß die Polizei ganz unauffällig ist.

          Anders als bei der WM läuft es in der Bundesregierung schon lange vor der Halbzeit nicht mehr so rund. Union und SPD streiten über Föderalismusreform, Hartz-Revision, Gesundheitspolitik.

          Ein Spiel dauert 90 Minuten, eine Legislaturperiode vier Jahre. Im ersten Spiel gegen Costa Rica fing es toll an, Philipp Lahm schoß ein wunderbares 1:0. Und kurze Zeit später fiel ein Gegentor, und das Spiel wurde etwas schwieriger. In dieser Phase sind wir nun gerade. Am Ende hat Deutschland doch gewonnen. Es gibt schon Erfolge: Die Föderalismusreform kommt mit großer Wahrscheinlichkeit wie verabredet zustande. Der schwierige Übergangshaushalt 2006 ist verabschiedet. Wir wollten das Wirtschaftsklima verbessern, und das ist gelungen.

          Ist die Beschreibung Deutschlands als Sanierungsfall richtig?

          Die Kanzlerin hat gesagt, „auch ein Sanierungsfall“. Sie hat nicht gesagt, daß wir kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Aber sie hat die Lage realistisch beschrieben.

          Die SPD fühlt sich angegriffen.

          Die Betretenheit einiger unserer Partner in der SPD verstehe ich nicht. Das war kein Angriff auf die SPD. Aber in dieser Woche war es ein bißchen warm, und viele sind durch die Fußball-WM in einem Zustand überdurchschnittlicher Erregung. Die Koalition ist in der Mühsal der Ebene angelangt.

          Geht es nicht reichlich sozialdemokratisch in dieser Koalition zu?

          Diese These teile ich überhaupt nicht. Wir sind ungefähr gleich stark. Entscheidend ist, daß wir eine Politik machen, die gut für das Land ist. Die Handschrift der Union, insbesondere der Bundeskanzlerin, ist in vielem völlig unübersehbar. Wir sind neu in die Regierung gekommen, nicht die Sozialdemokraten. Wenn es nun aufwärtsgeht, liegt das nach den Regeln der Logik nicht an der SPD, sondern an denen, die neu in der Regierung sind.

          Noch einmal zur WM. Was wird von der Begeisterung bleiben?

          Die WM löst keines unserer Probleme. Bleiben wird aber, hoffe ich, ein größeres Maß an Freude und der Eindruck, daß nicht alles schlecht ist. Es wird eine neue Einstellung zu Freundlichkeit, Service und Dienstleistungsorientierung bleiben. Ich bin zuversichtlich, daß in weiten Teilen der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund ein neues Verständnis entsteht, daß Integration und Zusammenleben etwas Schönes ist und nicht etwas, das uns bedroht. Es wird künftig etwas mehr Zutrauen in uns selbst geben - einfach weil dieses Land so ein guter Gastgeber ist.

          Schäubles Rollstuhl bleibt ohne Deutschland-Flagge

          Wolfgang Schäuble wird bei der Fußball-WM keine Deutschland-Fahne an seinem Rollstuhl anbringen. „An meinen Rollstuhl mache ich keine Deutschland-Flagge, weil der Berliner Innensenator gesagt hat, Polizeifahrzeuge sollten keine Fahnen haben“, sagte Schäuble der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Zur Erklärung fügte Schäuble hinzu: „Da ich als Bundesinnenminister oberster Dienstherr der Polizei bin, ist mein Rollstuhl auch ein Polizeifahrzeug im erweiterten Sinn“. In seinem Amtszimmer habe er aber eine Fahne stehen, sagte Schäuble weiter.

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