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Interview : „Ich war jahrelang rechtes Mittelfeld“

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„Fußball ist gelungene Globalisierung” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Außenminister Frank-Walter Steinmeier spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über die bevorstehende WM in Deutschland, Clausewitz, Gerald Asamoah, das Wembley-Tor in England - und seinen TUS 08 Brakelsiek.

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          Außenminister Frank-Walter Steinmeier erzählt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die bevorstehende WM in Deutschland, Clausewitz, Gerald Asamoah, das Wembley-Tor in England - und seinen TUS 08 Brakelsiek.

          Herr Steinmeier, wir haben Ihnen den Spielplan der Fußball-Weltmeisterschaft mitgebracht. Welche Termine haben Sie blockiert?

          Beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica jetzt am Freitag bin ich natürlich dabei. Andere werde ich mir auch ansehen - häufig übrigens mit Ministerkollegen: Das Spiel gegen Ecuador schaue ich mir zum Beispiel zusammen mit dem kanadischen Außenminister an. Auch Polen gegen Deutschland würde ich sehr gerne im Stadion sehen, ob es terminlich klappt, weiß ich noch nicht.

          Steinmeier und die Liebe zum Fußball - hier in Saudi-Arabien
          Steinmeier und die Liebe zum Fußball - hier in Saudi-Arabien : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Das könnte auch eher unfroh werden. Die polnischen Hooligans gelten als besonders gewaltbereit.

          Die übergroße Mehrheit der Fans, egal woher, kommt doch nicht, um Krawall zu machen. Die wollen ein schönes Spiel sehen. Wir sollten hier nicht hysterisch und voller Angst sein, sondern die eigentliche Herausforderung des Spiels und der WM für Deutschland im Auge behalten: die sportliche. Und da ist zum Beispiel Polen ein schwerer Gegner.

          Hat der Fußballsport mit seiner bellizistischen Sprache - es wird gebombt, es gibt Grabenkämpfe, es werden Gegner ausgeschaltet - nicht etwas Kriegerisches?

          Wenn Worte und Ausdrücke aus dem Militärischen übernommen werden, um ein Spiel zu beschreiben, dann macht das doch das Spiel nicht zu einem Krieg. Außerdem: Wer Fußball spielt oder dabei zuschaut, für den haben solche Worte eine andere Bedeutung - oder denken Sie beim "Bomber" Gerd Müller an ein Flugzeug?

          In Kriegen wie bei großen sportlichen Wettkämpfen finden Nationen zu sich selbst, heißt es.

          Für Kriege trifft das keineswegs immer zu.

          Aber oft: Vom Falklandkrieg bis zu den Balkankriegen war das so.

          Ich könnte Ihnen aber ebenso Fälle nennen, wo Kriege Nationen zerrissen haben: Korea, Vietnam - oder Deutschland. Für den Sport dagegen trifft Ihre These zu: Bei großen Fußballspielen identifiziert sich eine Gesellschaft immer mit ihrem Land, oft tun das auch jene, denen Fußball sonst gleichgültig ist. Bei Länderspielen und Weltmeisterschaften stiftet Fußball ein Gemeinschaftsgefühl und führt ganz unterschiedliche Menschen zusammen: Professor und Bauarbeiter stehen dann gemeinsam in der Kurve.

          George Orwell sagte, frei nach Clausewitz, Fußball sei Krieg mit anderen Mitteln.

          Offenbar mochte Orwell das Spiel zuwenig, um es zu verstehen. Es mit Krieg zu vergleichen halte ich für abwegig. Krieg ist grausam in allem. Fußball macht meistens Freude - und Freunde! Wenn man selbst spielt, oft auch, wenn man zuschaut. Sicher bauen Spieler und Zuschauer dabei auch Aggressionen ab. Aber das steht doch nicht im Vordergrund. Man geht auf den Fußballplatz, um zu gewinnen, nicht um seine Wut loszuwerden.

          Wirklich nicht? Sie haben doch selbst lange Fußball gespielt.

          Ich geb's ja zu: Auch bei mir haben nicht immer die Hochachtung vorm Gegner und die Nächstenliebe die wichtigste Rolle gespielt. Und manchen Ärger vergißt man ein Leben lang nicht: Ich weiß noch wie heute, als wir beim TUS 08 Brakelsiek - mit zwölf Jahren - beim Gegner der Nachbarstadt 23 Tore kassiert haben. Und es hat mich rasend gemacht, daß wir nicht ein einziges Gegentor geschossen haben. Im Verein habe ich jahrelang rechtes Mittelfeld gespielt, in manchen Jahren auch letzter Mann, wie wir das nannten. Der Verein ist solide, und Mitglied bin ich da immer noch. In zwei Jahren wird er hundert Jahre alt, da feiere ich natürlich mit.

          Was fasziniert Sie und alle Welt am Fußball?

          Manchmal die Schönheit des Spiels, meistens aber die Spannung aus der Unberechenbarkeit des Spiels! Mehr als jede andere Sportart ist jedes Fußballspiel von Ungewißheiten geprägt. Nirgendwo sonst muß man so schnell umschalten können und mit neuen Situationen fertig werden. Es ist der unberechenbarste Sport, selbst der Großeinkauf von Topspielern macht keinen Meister, nur das Team, das Fähigkeiten und Spirit zusammenbringt, hat Erfolg.

          Wenn Sie ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft anschauen, empfinden Sie dann besonders als Deutscher?

          Wenn ich zuschaue, kann ich nicht zum Gegner halten. Auch bei noch so schlechten Spielen kam bei mir nie der Wunsch auf, die Deutschen sollten verlieren.

          Das Wembley-Tor empört Sie bis heute. Weil Deutschland damals nicht Weltmeister wurde?

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