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Interview : „An die WM 1930 habe ich keine Erinnerung mehr“

  • Aktualisiert am

Finale 1930 - kaum beachtet in Deutschland Bild: AP

Nur wenige Menschen können von sich behaupten, alle 18 Weltmeisterschaften miterlebt zu haben. Ludwig Ehry war 1930 20 Jahre alt. Ein deutsches Team nahm nicht teil, die Erinnerungen sind verblaßt. Mit dem „Wunder von Bern“ ist das ganz anders.

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          Ludwig Ehry, Jahrgang 1910, erlebt in diesem Jahr seine 18. Fußball-Weltmeisterschaft. Im Frankfurter Victor-Gollancz-Haus, einem Altenpflegeheim, zählt der 96jährige mit seiner Begeisterung für die WM zu den Ausnahmen.

          Herr Ehry, Sie haben hier in Ihrem Zimmer im Alten- und Pflegeheim ja gar kein schwarz-rot-goldenes Fähnchen.
          So weit geht die Begeisterung nun doch nicht.

          Sind Sie denn ein Fußball-Fan?
          Ich bin auf jeden Fall fußballbegeistert. Und schaue alle Spiele der Weltmeisterschaft im Fernsehen an, so weit sie nicht nach neun Uhr abends stattfinden.

          Fangen die Ihnen zu spät an?
          Jawohl, ich gehe nämlich um neun Uhr zu Bett.

          Da haben Sie aber ziemliches Glück mit dem Spielplan, das Viertelfinale der Deutschen gegen Argentinien fand ja nachmittags um fünf Uhr statt.
          Für die Spiele der deutschen Mannschaft mache ich schon mal eine Ausnahme. Da würde ich auch für die Verlängerung und sogar das Elfmeter-Schießen wach bleiben.

          Kennen Sie die deutschen Spieler?
          Die meisten kenne ich.

          Welche gefallen Ihnen besonders gut?
          Der kleine Philipp Lahm ist prima, der macht auf der linken Seite so gute Flankenläufe. Aber auch Klose finde ich gut, und Schneider. Der spielt unauffällig, ist aber wichtig.

          Was gefällt Ihnen besonders am Fußball?
          Ach, ich war schon immer sportbegeistert, habe selbst auch viel Sport getrieben, vor allem Leichtathletik. Beim Stabhochsprung bin ich mal über 3,60 Meter gesprungen (lacht) - mit dem Bambusstab in die Sandgrube. Bis vor vier Jahren bin ich noch Rad gefahren.

          Und Fußball?
          Fußball habe ich nie gespielt, aber ich habe immer zugeschaut. Ich glaube, mit siebzehn war ich das erste Mal auf dem Fußballplatz. Ich sehe gerne schönes Kombinationsspiel. Oder Sprintduelle und Flankenläufe - die sind aufregend.

          Bei der ersten Fußball-Weltmeisterschaft 1930 waren Sie 20 Jahre alt. Wie haben Sie die WM damals erlebt?
          Ach, da habe ich keine Erinnerung mehr, das ist schon so lange her.

          Und 1954, das Wunder von Bern?
          Daran habe ich gute Erinnerungen. Wir waren damals wirklich begeistert, daß Deutschland gewonnen hat. Aber es gab nicht so viele Fahnen wie heute.

          Stören Sie die vielen Fahnen?
          Nein, die Leute freuen sich halt, wie es an der Zeit ist. Heute ist alles durch das Fernsehen viel mehr verbreitet. Wir waren bei der WM 1958 einer der ersten Betriebe, der einen Fernsehapparat aufstellte, damit unsere Angestellten in der Schlosserei Fußball gucken konnten.

          Gibt es hier im Victor-Gollancz-Haus eine Möglichkeit, die Spiele mit anderen zusammen auf der Großbildleinwand anzuschauen?
          Nein, die Begeisterung der anderen Bewohner für Fußball ist nicht so groß. Die sind mehr mit sich beschäftigt. Aber ich schaue mir die Spiele sowieso lieber alleine an, da kann ich mehr meinen Gefühlen nachhängen.

          Springen Sie denn von Ihrem Sessel auf, wenn die Deutschen Tore schießen?
          Nein, mit dem Alter wird man etwas ruhiger, aber laut Tor rufe ich schon.

          Und haben sich Ihre Nachbarn schon beschwert?
          Bislang nicht, aber vielleicht liegt es daran, daß sie nicht mehr so gut hören.

          Und wenn die Deutschen verlieren würden, was machen Sie dann?
          Traurig wäre ich schon, aber nicht so lang. Ich kann schnell abschalten und ruhig schlafen. Ich habe noch nie einen Albtraum wegen einer Niederlage gehabt.

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