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Imagekampagne : Leipziger Feigheit

Leipzig bestrahlt sich mit Eigenwerbung Bild: AP

Nicht nur eine Stadt der Helden, auch eine Stadt der Sportmedizin: Leipzig feiert sich bei der WM-Auslosung selbst - und muß einen Dopingfachmann sang- und klanglos aus seiner Imagekampagne verschwinden lassen.

          5 Min.

          Für die Tage rund um die Auslosung der Endrundenspiele der Fußballweltmeisterschaft 2006 hat sich die Leipziger Marketing GmbH etwas Besonderes ausgedacht. Noch bis zu diesem Freitag abend lassen die Werbefachleute das markante City-Hochhaus am Augustusplatz im Rahmen ihrer Kampagne „Leipziger Freiheit“ illuminieren.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Der Ruf Leipzigs als Kultur- und insbesondere Musikstadt wird durch die Motive „Bach“ und „Orgel“ versinnbildlicht. Für Leipzigs Bedeutung als ältester Freihandelsplatz der Welt steht ein Bild der schmucken neuen Messe, für die „Friedliche Revolution“ stehen stilisierte Säulen der Nicolaikirche. Schließlich entwickelte sich der Umbruch in der DDR aus den Montagsgebeten in dem Leipziger Gotteshaus.

          Selektiver Umgang mit der Vergangenheit

          Das Thema „Friedliche Revolution“ ist ein Leitmotiv der Kampagne. Vor mehr als zweieinhalb Jahren gewannen die Leipziger mit diesem Thema auch im nationalen Ausscheid als Bewerberstadt um die Olympischen Spiele 2012. Allerdings zeigte sich wenig später, daß manche in der Stadt merkwürdig selektiv mit der Vergangenheit umgingen. Denn im Herbst 2003 wurde bekannt, daß der damalige Geschäftsführer der Leipziger Olympia GmbH, Dirk Thärichen, just zur Wendezeit bei einem Wachregiment der Staatssicherheit der DDR Dienst tat. Zwar wurde die Sache hochgespielt - schließlich war der junge Mann kein Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Doch Leipzig mußte sich an den hohen moralischen Maßstäben messen, die es selbst vorgegeben hatte.

          Im Vergleich mit dem, was sich in diesem Sommer anbahnte, wird der Fall Thärichen endgültig zur Lappalie. Ende Juli stellte die Marketing Leipzig GmbH ihr neuestes „Leipziger Freiheit“-Motiv vor. Unter dem Slogan „Der Weg zur Besserung führt nach Leipzig“ fanden sich, wie es in der Pressemitteilung heißt, „fünf Leipziger Medizin-Koryphäen“ zusammen. Einer der Ärzte, Jürgen Ulrich von der privaten Medica Klinik Rehabilitation und Sportmedizin, wird mit den Worten zitiert, er finde es „beachtenswert, daß sich die Kollegen geschlossen für die Kampagne einbringen, um Leipzig als Medizin-Hochburg zu würdigen“.

          Doping für die DDR

          Doch Dr. Jürgen Ulrich ist Teil eines unrühmlichen Kapitels Leipziger Medizin-Geschichte. Wie aus Unterlagen der Stasi hervorgeht, war der Mediziner und frühere A-Kader im Hochsprung am Leipziger „Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport“ (FKS) tätig. Das FKS war eine geheime Hochschule mit mehr als 500 Wissenschaftlern. Sie sollten dem Leistungssport der DDR auf die Sprünge helfen - und taten es mit der erfolgreichen Suche nach pharmazeutischen Produkten. Die Dopingforschung war für einen großen Teil der Forscher selbstverständlich. Und so bot das FKS die Rahmenbedingungen für die Vergabe der sogenannten „Unterstützenden Mittel“ - dem DDR-Synonym für Dopingsubstanzen - an die zum Teil nicht informierten Athleten, an Kinder wie Erwachsene, die mitunter bis heute an den Folgen leiden.

          Laut Stasi-Akten war Ulrich an zentraler Position im Einsatz. So heißt es in einer internen Stasi-Information vom 11. Februar 1975, Ulrich sei „in die Problematik der Anwendung unterstützender Mittel . . . . vollinhaltlich einbezogen, soweit dies die Leichtathletik betrifft“. Ebenfalls sei der Mediziner an den Vorbereitungen für die Leichtathletik-EM 1974 beteiligt gewesen, „wo kurzfristig die Anwendung von anabolen Steroiden durch andere Mittel ersetzt werden mußte“ - gemeint war Testosteron. Und schließlich heißt es in dem Schreiben: „Ulrich gehörte in dieser Phase zu dem engsten Personenkreis, welcher die Injektionen am Sportler durchführte.“

          Verschwunden

          Höchst merkwürdig ist, wie es mit dem neuen Motiv der Kampagne „Leipziger Freiheit“ weiterging. Anfang August berichtete zwar die „Ärzte Zeitung“ über das Vorhaben und brachte auch ein Foto der Mediziner. Danach jedoch verschwand die Sache: Anders als angekündigt, wurden das Motiv im November nicht auf 70 Plakatwänden geklebt, und auch in Zeitschriften erschien die Anzeige nicht. Selbst der Hinweis, „selbstverständlich ist zudem die Einbindung auf der Internetseite“ aus der Juli-Mitteilung von „Leipziger Freiheit“, führt ins Leere: Nicht nur das Bild läßt sich heute nicht mehr finden, selbst die Pressemitteilung ist unter dem Link, unter dem sonst alle Mitteilungen der GmbH archiviert sind, verschwunden.

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