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Huntington Beach : Hier geht unsere Hoffnung baden

Wo der frühere Bundestrainer Kraft tankt Bild: AP

Der weltweit berühmteste Einwohner dieser 200.000-Einwohner-Stadt ist dort so gut wie unbekannt: Jürgen Klinsmann kehrt heim nach Huntington Beach. Wer den Ort besucht, kann ihn verstehen.

          5 Min.

          Bob Spickard ist eine Legende in Huntington Beach. Und er lebt. Das wird spätestens klar, wenn seine Gattin Cathy auf seinen noch lange nicht zu erwartenden Tod zu sprechen kommt. Während wir gemeinsam über den „Surfing Walk of Fame“ des Städtchens an der kalifornischen Pazifikküste flanieren, blickt sie schon weit voraus: „Hier wird einmal eine Steinplatte an Bob erinnern.“ Mr. Spickard hat nämlich maßgeblich zum Ruhm seiner Heimatstadt beigetragen, Jahrzehnte bevor sich ein gewisser Klinsmann hier samt Familie in eine Wohnanlage einkaufte und die Aufmerksamkeit der Deutschen auf jenen gut acht mal neunzig Flugminuten von der Bundesliga entfernten Flecken Erde gelenkt hat.

          Der heute sechzig Jahre alte Musiker ist einer der Begründer der „Surf Music“. 1963, viele Takte bevor die Beach Boys mit ihren Hits wie „Surfin' USA“ das ganz große Geld mit der Begleitmusik zum neuen, strandfixierten Lebensgefühl der Kalifornier verdienten, komponierte Spickard mit seinen Highschool-Kumpels von „The Chantays“ den ersten Nummer-eins-Hit der Surfbewegung. Wegen des esoterischen, das Gefühl einer perfekten Welle reflektierenden Instrumentalstücks „Pipeline“ wird Spickard nach dem Ende seiner Tage auf dem „Surfing Walk of Fame“, dem auf der Main Street des Surfer-Paradieses Huntington Beach ausgebreiteten Pendant zum „Hollywood Walk of Fame“, verewigt sein. Diese Ehre wird nur den größten Größen des Surfens oder aber eben den „local heroes“ von Huntington Beach zuteil.

          Kein Hahn kräht nach Fußball

          Ob irgendwann einmal auch für Jürgen Klinsmann eine Steinplatte in seiner Wahlheimat präpariert wird, ist mehr als ungewiss. Denn noch immer ist der weltweit berühmteste Huntington Beach Boy in der 200.000-Einwohner-Stadt so gut wie unbekannt. „Nein, auch während der vergangenen Wochen hat hier kein Hahn nach Fußball und eurem Coach gekräht“, sagt Spickard, der stets die Neuigkeiten im Ort mitbekommt, aber vor unserem Gespräch noch nie von dem weltberühmten Mitbürger gehört hat. „Hier wird nicht euer europäischer Fußball geschaut, auch wenn ihr eine Weltmeisterschaft spielt.“

          Für Fußball interessiert sich hier niemand

          Statt dessen läuft im Sommer Baseball auf den Bildschirmen in den Cafes und Restaurants auf der Main Street, wo die Surfer mittags die Energiespeicher mit Burger und Pizza auffüllen und abends mit viel Bier ihre Parties feiern. „Du hast hier keine Zeit für die Beschäftigung mit eurem Fußball. Huntington Beach ist ein Ort, an dem du früh morgens aufstehen mußt, um dann den ganzen Tag am Strand zu verbringen und Sport zu treiben“, sagt Spickard. Jetzt verstehen wir Klinsmanns Rückzug. Das klingt tatsächlich verlockender als die Aussicht auf weitere Trainingslager mit zwei Dutzend Nationalspielern.

          Der tägliche Anblick des Meeres

          Auf zwölf Kilometern trennt ein breiter Streifen feinsten Sandes H.B., wie die Einwohner ihr Städtchen amerikanisch-pragmatisch nennen, vom Pazifik. Die Quecksilbersäule bewegt sich das ganze Jahr über zwischen den Markierungen für 16 und 30 Grad Celsius. Die Sonne zeigt sich fast jeden Tag am Himmel und versinkt abends atemberaubend schön im Meer - der Anblick mag für Klinsmann verzückender anmuten als der Sinkflug einer von Philipp Lahm in den Torwinkel gedroschenen Lederkugel. Auf jeden Fall hat er mehrfach bekundet, dass der „tägliche Anblick des Meeres und der kalifornischen Sonne“ ihm Kraft gebe.

          Ebenso gefalle ihm das lockere Treiben am Beach. Vor allem rund um den Huntington-Beach-Pier, die einzige bauliche Attraktion der Stadt, tobt den ganzen Tag das Strandleben. Dutzende Beach-Volleyball-Felder fordern zum Ballspiel im Sand auf, dem auch der ehemalige Bundestrainer fast täglich frönen soll, wie uns seine Biographen berichten. Ebenso soll „Klinsi“ jeden Tag eine Stunde lang am Meer joggen und auch mit dem Surfbrett in den Wellen zu sichten sein, so denn einer in H.B. nach ihm suchen würde. „Ich habe Klinsmann bisher zwar nur ganz selten gesehen, gehe aber mal davon aus, dass er häufig da draußen mit dem Board unterwegs ist“, sagt Silvia Schneck, eine Deutsche, die vor zwei Jahren nach Huntington Beach geheiratet hat. „Wenn er das nicht tun würde, dann wäre er sicher nicht hierher gezogen.“

          Wer hier lebt, muss in den Wellen reiten

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