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Glaubensbekenntnisse bei der WM : Religion auf dem Rasen

  • -Aktualisiert am

Ein Moment der Intimität: Miroslav Klose Bild: picture-alliance/ dpa

Während dieser Weltmeisterschaft bekommt die Metapher vom „heiligen Rasen“ ein neue Bedeutung: Denn immer mehr Fußballspieler zeigen auf dem Spielfeld ihre religiösen Gefühle. Dies interessiert nun auch die Religionswissenschaftler.

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          Es gibt Momente nach dem Torschuß, da ist Miroslav Klose allein mit sich, ungeachtet der jubelnden Massen um ihn herum. Zum Beispiel beim zweiten Treffer gegen die Südamerikaner, oder im Eröffnungsspiel: Der Ball landet im Netz, und Klose läuft - nein, nicht in die Spielfeldmitte, sondern an der hinteren Torlinie entlang. Mit gesenktem Blick schlägt er das Kreuzzeichen: eine Bewegung, die selbstverständlich von innen zu kommen scheint und Intimität ausstrahlt. Meist fängt die Kamera diese Geste nur knapp ein, dann folgt ein Bildschnitt aufs begeisterte Publikum, und bei der nächsten Einstellung verschwindet der Stürmer schon unter den Umarmungen seiner Kameraden.

          Wie viele Stoß-, Bitt- oder Dankgebete die Spieler bei dieser Weltmeisterschaft zum Himmel schicken, wissen nur sie selbst. Nimmt man das Bekreuzigen als eine der kürzestmöglichen Gebetsformen, dann senden die Fußballer eine ganze Menge Botschaften nach oben. Spieler aus Ghana bekreuzigten sich im Jubel nach dem Tor; Mexikos Torwart Oswaldo Sanchez am Beginn der Partie mit vor dem Gesicht gefalteten Händen und Blick nach oben in Erinnerung an seinen gerade verstorbenen Vater. Brasiliens Spitzenstürmer Ronaldo bekreuzigte sich beim Betreten des Feldes, die Mexikaner Ramon Morales und Andres Guardado auch beim Verlassen. Und ein lächelnder Ronaldinho schlug das Kreuz nach einem mißglückten Kopfball auf das kroatische Tor. Kopfbälle gehören zu den wenigen Dingen, in denen der vielseitige Brasilianer eher schwach ist. Vielleicht war das Bekreuzigen in diesem Fall Ausdruck von Dankbarkeit für den Mut, es zumindest versucht zu haben. Denn das Problem an jeder Art von Geste ist: Sie sind vieldeutig - aber keinesfalls beliebig.

          „Ein magischer Unterstrom“

          „Religiöse Gesten haben immer einen magischen Unterstrom“, sagt der Theologe Kristian Fechtner von der Universität Mainz, der sich mit populärer Religionskultur beschäftigt. So wie zum Beispiel ein Ritual von Spielern aller möglichen Nationen, darunter Togo, Brasilien, Argentinien oder Portugal: Wenn sie auf den Platz laufen, berühren sie den Rasen und bekreuzigen sich - eine „Form der Kontaktaufnahme mit dem Boden, aus der man Kraft schöpft“, interpretiert Fechtner. Das sei übrigens ein uraltes religiöses Ritual: In der orthodoxen Tradition berühren viele Gläubige den Fußboden, wenn sie eine Kirche betreten - was die Fußballspieler sicher gar nicht wüßten. „Das ist das Spannende an religiösen Gesten“, sagt der Theologe, „sie übertragen sich in einer globalisierten Religionslandschaft zum einen zwischen den Konfessionen, zum anderen auf religiös stilisierte Bereiche wie den Fußball.“ Die schon abgenutzte Metapher vom „heiligen Rasen“ bestätige dies einmal mehr.

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