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Fußball-WM : Letzte Hoffnung Klinsmann

Bild: F.A.S.

Was nervt und hat zwei Buchstaben? Natürlich, die WM. Nur Franz Beckenbauer läßt sich das nach allen Regeln der Kunst vermarktete Weltturnier nicht verdrießen. Um die Stimmung in Deutschland wieder zu verbessern, ist die Fußball-Nationalelf gefordert.

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          Glaubt man Mike de Vries, ist die Sache ganz logisch. "Für ein Land, das in der Vergangenheit so passiv war, ist es jetzt ziemlich anstrengend." De Vries ist derzeit Geschäftsführer der Imagekampagne "Deutschland - Land der Ideen", welche einst unter dem Arbeitstitel "FC Deutschland 06" startete. Er und seine Mitstreiter sehen sich im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft zuständig für eine flächendeckende Verbreitung von "Aufbruchstimmung und Optimismus", wie er sagt, doch der Job der Gute-Laune-Verkäufer ist kein Selbstläufer.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Unüberhörbar treffen sie im Lande auf Widerwillen. Das nach allen Regeln der Kunst vermarktete Weltturnier des Fußballs als große nationale Angelegenheit scheint Menschen herauszufordern. Kaum ein Lebensbereich, wo die WM nicht hineinwirkt, wo sie nicht in überbordenden Image- und Werbekampagnen, in Büchern, Medienberichten, Fernsehsendungen oder Kartenverlosungen der Radiosender ausgeschlachtet wird, wo ein Bundesinnenminister WM-Benimmregeln für Ordnungspersonal aufstellt und die evangelische Kirche in einer Broschüre Fußball-Kindergottesdienste propagiert.

          „Was nervt und hat zwei Buchstaben?“

          Ein Land denkt rund. Daß darüber hinaus Diskussionen hochkochen wie die um Eintrittskarten, den Stadion-Check der Warentester oder eine von heute auf morgen abgesetzte Glamour-Gala, scheint Kritiker in ihrem Urteil zu bestärken (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: „Alle WM-Arenen haben Mängel“). Zum Auftakt ins Fußballjahr 2006 überschrieb die "Stuttgarter Zeitung" einen süffisanten Beitrag mit folgender Frage: "Was nervt und hat zwei Buchstaben?" Natürlich, die WM.

          Das Ziel vor Augen: Jürgen Klinsmann will den WM-Pokal

          Das Projekt, das in Sonntagsreden gerne als "einmalige Chance" für eine abgeschlaffte Nation propagiert wird, hängt weniger als fünf Monate vor Beginn des Turniers in einem Stimmungstief. Wer meckert, gilt als Spielverderber und Defätist. Wer auf der anderen Seite die Chancen der WM weiterhin hervorhebt, setzt sich dem Vorwurf aus, ein unkritischer Geist zu sein. Die Pole stoßen sich ab - auch in ihrer Argumentation. "Wir lassen uns nicht verdrießen, selbst wenn noch weitere Störfeuer aus irgendwelchen Ecken kommen sollten - was wir nach gemachter Erfahrung nicht ausschließen", sagt Franz Beckenbauer, der Chef des Organisationskomitees, dieser Zeitung.

          Hinter sich weiß der "Kaiser" die Fußball-Familie, die in diesem Meinungsstreit enger zusammenrückt. Als der "Kicker" Anfang dieser Woche in Frankfurt zu einem hochkarätigen Branchentreff lud, waren sich die Größen des deutschen Fußballs in einem Punkt jedenfalls völlig einig: "Wir lassen uns die WM doch nicht vermiesen", so der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts.

          „Die Spannung steigt da draußen“

          Unvermindert wird die Trommel gerührt. Die Promotoren sind felsenfest davon überzeugt, eine positive Stimmung im Lande zu verspüren. "Die Spannung steigt da draußen", sagt Mike de Vries. Auch Zahlen sollen das belegen, wie die rund 40.000 Einträge in den virtuellen "FanClub Deutschland" bei der Kampagne "Deutschland - Land der Ideen" oder die mehr als 20 000 Mitgliedschaften im "Fan Club Nationalmannschaft" unter der Ägide des Deutschen Fußball-Bundes. Die Werbekampagnen rollen, peu a peu verstärken sich die Reize und Erwartungen an die bisher größte Fußball-Veranstaltung in der Welt. Doch bevor der erste WM-Ball überhaupt gerollt ist, reicht es den ersten schon wieder.

          "Die Menschen sind doch nicht blöd. Das ganze aufgesetzte Getue ist doch völlig albern und fußballfremd", sagt der Soziologe Detlev Claussen. Er fühlt sich herausgefordert durch den überbordenden Hype und die Basta-Mentalität von Beckenbauer und Co. Der Soziologe glaubt, daß nun die schlechten Seiten des Machtspiels immer deutlicher hervortreten. "Der Fußballfan sollte sich immer bewußt sein, um was es hier geht. Um Macht und Geschäft, nicht um ihn", so Claussen.

          Eine Sinnkrise werden all die Diskussionen bei den Organisatoren des großen Fußballfestes sicher nicht auslösen. Ihr Job orientiert sich an der Umsetzung des Kraftaktes auf höchstem Niveau. Der Erfolg stellt sich letztlich in den vier Wochen des Turniers heraus, dann wird auch das Publikum endgültig urteilen. So ist aus gutem Grund Pragmatismus statt Zurückzucken gefragt. "Mag sein, daß es dem einen oder anderen zuviel ist mit dem Fußball und der WM. Aber die Dinge laufen jetzt eben so, weil der Fußball so unglaublich populär ist und die WM das Mega-Event schlechthin ist, an das jetzt auch erhebliche Erwartungen geknüpft sind", sagt Franz Beckenbauer.

          „Monopole sind immer gefährlich“

          Beim einen oder anderen Fußballvertreter zeigt sich angesichts der Entwicklung inzwischen doch leichtes Unbehagen. "Wenn der Internationale Fußball-Verband so weitermacht", sagte Bayern-Manager Uli Hoeneß in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Blick auf die abgesagte Fußball-Gala in Berlin, "schafft er es noch, ein Spektakel wie die WM in Mißkredit zu bringen. Die Fifa, das ist ein Monopol, und Monopole sind immer gefährlich."

          In den verbleibenden Monaten werden die WM-Organisatoren die öffentliche Meinung nicht mehr großartig wenden können - zumindest nicht weiter zum Positiven. Weitere organisatorische Höhepunkte wie die Endrundenauslosung fehlen bis zum Turnierstart - und so hängt die Stimmungslage in Fußball-Deutschland eng mit dem sportlichen Erscheinungsbild zusammen.

          In den Mittelpunkt des WM-Vorlaufs rückt die Nationalelf, die nun vor allem für das Fußballfieber im Lande verantwortlich sein wird. Bei nur zwei Testspielen (März) vor Bundesligaschluß bleiben dem Klinsmann-Team allerdings kaum Chancen zur Lustoffensive. Wenn es nach Beckenbauer geht, ist die aber sowieso nicht mehr notwendig. Das Fest unter dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" hat für ihn längst begonnen, auch wenn nicht alle Freunde untereinander freundlich sind: "Die WM ist und bleibt ein wunderbares Geschenk."

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