https://www.faz.net/-g9o-sk1y

Fußball-WM : Kanariengelb in der Überzahl

  • Aktualisiert am

Brasilianische Glückseligkeit in der „Main Arena” Bild: F.A.Z. - Zimmermann

Die Brasilianer feiern in der „Main Arena“. Für die Ghanaer in Frankfurt bleibt nur der Trost, daß ihr Team überhaupt dabei war.

          2 Min.

          Einer, der sichtlich zu häufig den unbegrenzten Bierausschank genutzt hat, versucht, einen Brasilien-Anfeuerungsruf zu kreieren. Die Umstehenden sollen einstimmen. Doch vergeblich. Die Gäste in der „Main Loge“ sind keine Stimmungsmacher, sie konsumieren in erster Linie: Atmosphäre und Kulinarisches. Sie haben auf dem Balkon des VIP-Bereichs, hoch über den Fans auf dem südlichen Ufer der „Main Arena“, den besten Blick. Es gibt wohl keinen Ort, an dem die Stimmung um die Riesenbildschirme im Fluß entspannter und luxuriöser zu genießen ist - allerdings kostet ein Tag auf den gepolsterten Hockern der Empore auch mehr als 200 Euro.

          Der Blick über die Menschenmengen an beiden Mainufern gibt Aufschluß über die Kräfteverhältnisse: Das Kanariengelb der Brasilianer überwiegt an diesem Nachmittag. Schon lange vor dem Anpfiff tanzen und feiern die Südamerikaner in Erwartung eines sicheren Sieges ihres Teams. Die mitgebrachten Lärminstrumente einer siebenköpfigen in Gelb und Grün gewandeten Gruppe verstummen auch während des Spiels fast nie. Mit einem am Ordnungspersonal vorbeigeschmuggelten Ball wird am Ufer die Begegnung „Brasilien gegen den Rest der Welt“ ausgespielt. Einzige Voraussetzung offenbar: Die Spieler müssen jünger als 12 Jahre alt sein. Von den umstehenden Erziehungsberechtigten angefeuert, wird bis zum Auftritt der großen Idole Ronaldinho, Ronaldo und Kaka ordentlich gekickt.

          Verstärkung erhalten die brasilianischen Fans von unzähligen, gelbe Trikots tragenden Einheimischen, die sich offensichtlich für das südamerikanische Team mehr begeistern können als für die deutsche Mannschaft. Zwei Jungs versuchen ihr gänzlich unbrasilianisches Aussehen gar nicht erst zu kaschieren: Auf ihren gelben Jerseys prangen über der Rückennummer die Namen „Horst“ und „Markus“. Daß die Selecao wieder nicht überzeugen kann und die von den Fans vorgelebte Leidenschaft vermissen ließ, interessierte am Ende allerdings niemanden. Nach dem 3:0-Sieg über Ghana sind alle einer Meinung: „Den Titel holen wir eh.“

          Hadern mit dem Schicksal: Ghanaer im „Kenkey House”
          Hadern mit dem Schicksal: Ghanaer im „Kenkey House” : Bild: F.A.Z. - Bergmann

          Die Ghanaer leiden im „Kenkey House“

          Die rot-gelb-grüne Flagge mit dem schwarzen „Stern der Hoffnung“ weist den Weg: ins „Back to the roots Kenkey House“ an der Gutleutstraße in Frankfurt. In die von der Ghanaerin Abena Addoquaye geführten Kneipe ist kurz nach Anpfiff kaum noch ein Eintreten möglich. Aneinander gedrängt verfolgen Ghanaer und Ghana-Freunde aus Deutschland, der Elfenbeinküste, Nigeria und Guinea das Spiel auf dem Flachbildschirm. Im „Kenkey House“ ist zwar immer ein Stück Ghana, doch heute ganz besonders. Überall die ghanaische Flagge, rot-gelb-grün lackierte Fingernägel und dazu ghanaische Speisen und Getränke. Noch haben alle die Hoffnung, daß ihre Elf die Brasilianer nach Hause schicken wird. Das wäre ein historisches Ereignis für Afrika, so die einstimmige Meinung.

          Naakow Grant-Hayford muß sich mit Blick auf eine kleine Ecke des Bildschirms begnügen. Der 25 Jahre alte Ghanaer, der in Marburg Politik studiert, ist einige Minuten zu spät gekommen, hat sogar das erste Tor der Brasilianer verpaßt. Die schlechte Nachricht trägt er mit Fassung. „Ich bin weder Patriot noch Fußballfan. Ich mag einfach das Essen und die Atmosphäre.“ Doch natürlich hofft auch er auf einen Sieg der Ghanaer. So wie gegen die Vereinigten Staaten, als er mit den anderen Ghanaern trommelnd und singend vom „Kenkey House“ zum Hauptbahnhof zog.

          Und so fiebert er mit und bejubelt wie die anderen jeden Angriff der afrikanischen Elf. Noch haben die Ghanaer Hoffnung, trommeln und schauen gebannt auf den Fernseher. „Ich bin halt für die Underdogs“, erklärt Grant-Hayford seine Anfeuerungsversuche. „Ein Tor hauen wir den Brasilianern bestimmt rein.“

          Doch irgendwann verstummen die Trommeln und die „Move, Move“-Rufe. Grant-Hayford ist zunächst ratlos, auf seinem Bildschirmausschnitt war nichts zu sehen. Dann jedoch verlassen die ersten Ghanaer das Restaurant. Die gute Stimmung ist dahin. Als er begreift, was geschehen ist, wendet Grant-Hayford den Blick vom Fernseher ab. Er tröstet sich mit gebratenen Bananen. Die seien für Ghanaer wie Wiener Würstchen für Deutsche, sagt er und findet sich mit der Niederlage ab. „Daß wir verlieren, ist egal. Hauptsache wir waren dabei.“

          Weitere Themen

          Getanzt wird später bei Mainz 05

          Sieg im DFB-Pokal : Getanzt wird später bei Mainz 05

          Nach nervenzehrenden 120 Spielminuten setzt sich der FSV Mainz 05 gegen Arminia Bielefeld im DFB-Pokal durch. Trainer Bo Svensson sieht trotz des Erfolgs allerdings Mängel im Spiel seines Teams.

          Topmeldungen

          Ministerpräsident Mateusz Morawiecki war am Mittwoch im Land unterwegs und äußerte sich auf Anfrage nicht.

          EuGH verhängt Strafe für Polen : „Um schweren Schaden abzuwenden“

          Eine Million Euro am Tag muss Polen bezahlen, solange die politisch besetzte Disziplinarkammer am obersten Gericht des Landes fortbesteht. Das hat der Europäische Gerichtshof entschieden. Warschau spricht von „Erpressung“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.