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Fußball und Medien : Die Fifa lockert ihre Auflagen, die Kritik bleibt

Verärgert über die andauernde Kritik: Fifa-Medienchef Markus Siegler Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Fifa hat ihre Richtlinien für Zeitungen und Internet bei der Fußball-WM abermals gelockert. Den Verlegern geht das nicht weit genug, sie kritisieren vor allem die Einschränkung bei der Bildberichterstattung im Internet.

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          Der geordnete Rückzug ist nicht nur im Sport eine schwierige Übung. Wer das Umschalten von Offensive auf Abwehr nicht trainiert, kann schnell ins Straucheln kommen. Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) wird von seinem autokratischen Präsidenten Joseph Blatter seit Jahren von einer wirtschaftlichen und sportpolitischen Daueroffensive zur nächsten geführt. Rückschritte sind nicht eingeplant. Mit aller Macht verteidigt die Fifa die Rechte ihrer Sponsoren und Medienpartner.

          Cai Tore Philippsen

          Verantwortlicher Redakteur für die Redaktion FAZ.NET

          Weil Bertelsmann sich das Recht an allen offiziellen Print-Produkten rund um die Weltmeisterschaft in diesem Sommer erkauft hat, müssen sich erstmals auch die deutschen Zeitungen mit einem Fifa-Regelwerk auseinandersetzen, das beispielsweise genau regelt, welches Logo wann, wo und wie oft verwendet werden darf. Doch die Fußballfunktionäre mußten nach Protesten die strengen Richtlinien für die Berichterstattung und Gestaltung in Zeitungen und im Internet schon zum zweiten Mal entschärfen. Was bis Mittwoch noch galt, ist gegenstandslos. Die Fifa gesteht nicht ein, zu weit gegangen zu sein, man sprach auf einer Veranstaltung des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) in Berlin lieber von Mißverständnissen - Fifa-Kommunikationsdirektor Markus Siegler will helfen, „die Dinge besser zu verstehen“.

          Alkoholfreie Logos beim Confed-Cup

          Das von Kritikern als Ansammlung von Ecstasy-Pillen verspottete WM-Logo mit den lachenden Gesichtern darf auch auf den Titelseiten von Zeitungen und WM-Beilagen erscheinen, das wollte Bertelsmann zunächst verhindern. Nun ist auch davon keine Rede mehr, daß Journalisten dazu „aufgefordert“ werden, in ihren Texten sogenannte geschützte Begriffe wie „WM 2006“ oder „Deutschland 2006“ mit einem Copyright-Vermerk zu versehen, versichert Paul Ruschetti von der Fifa. Zeitungen, die von seiner Abteilung aufgefordert wurden, ihre Layoutentwürfe zum Absegnen in die Verbandszentrale zu schicken, können sich das Porto sparen. Ein Blatt hatte eine Abmahnung erhalten, weil das Logo auf einer Seite mehrfach verwendet wurde. Auch das wird sich nicht wiederholen.

          Der Versuch der Fifa, den deutschen Zeitungen ins Handwerk zu fuhrwerken, ging schon beim Confederations Cup im vergangenen Sommer schief. Das Logo der Mini-WM, das den Schriftzug des amerikanischen Bierbrauers Anheuser Busch trug, durfte von den Blättern nicht verändert werden. Also machten sich die Grafiker daran, eigene, alkoholfreie Logos zu entwickeln. Die Freigabe des WM-Logos für die erste Seite ist auch ein Resultat dieser Verweigerungshaltung. „Wir wollen nicht, daß jede Zeitung ein eigenes Logo kreiert“, sagt Markus Siegler.

          Bilder schneller im Netz

          Doch noch droht Gefahr aus Stade. Das dort ansässige Tageblatt plant den Seitenkopf der Lokalzeitung während der Weltmeisterschaft mit dem Schriftzug „Ihre WM-Zeitung“ und dem WM-Logo zu versehen. Mit so einer Gestaltung würde das Blatt den Anschein erwecken, ein offizielles Produkt zu sein, sagt der Geschäftsführer der Bertelsmann-Medienfabrik, Stefan Postler. Er wird auch darüber wachen, daß kein Verlag auf die Idee kommt, im Umfeld der zwölf WM-Stadien Zeitungen zu verkaufen oder gar zu verschenken. In der Bannmeile, die es um jedes Stadion gibt, auch wenn die Fifa dieses Wort gar nicht mag, dürfen nur Produkte aus der Medienfabrik verkauft werden. Einen kleinen Schritt zurück hat die Fifa auch bei ihren Restriktionen für das Internet gemacht. Bisher sollte die Veröffentlichung von Fotos erst zwei Stunden nach Spielende erlaubt sein. Nach Protesten der deutschen und internationalen Zeitungsverleger, die längst auch Internetunternehmer sind, gaben die Weltfußballer nach und erlauben nun Bilder im Netz direkt nach Abpfiff.

          Es bleibt jedoch beim Verbot, Fotos während des Spiels zu senden. Gleichzeitig bleibt die Beschränkung auf fünf Bilder pro Halbzeit. Gibt es eine Verlängerung und Elfmeterschießen, dürfen die Online-Journalisten ihren Lesern diese lediglich in zwei weiteren Bildern vermitteln. Wer mehr zeigen will, muß bei der WM in diesem Jahr erstmals Lizenzgebühren zahlen. Angeblich tun das weltweit 30 Unternehmen, ein magentafarbenes in Deutschland verhandelt derzeit.

          „Wir sind traurig und schockiert“

          „Das ist das Ende der Gespräche“, sagte Markus Siegler zum Thema Internet und hatte sich wohl dennoch ein wenig Dankbarkeit von den Zeitungshäusern erwartet. Schließlich fühlt sich das mächtige Fernsehen von den Internet-Bildergeschichten bedroht. Die Sender steuern zwei Drittel der 1,82 Milliarden Euro bei, die die Fifa rund um die WM 2006 einnimmt, ein Drittel kommt von Sponsoren.

          Doch als Antwort auf die Lockerungen kam ein wütender Brief aus Paris von der World Association of Newspapers (WAN), die auch die großen Nachrichten- und Bildagenturen vertritt. Ihr Geschäftsführer, der Präsident der Agence France Press (AFP), Pierre Louette, schrieb an Joseph Blatter von seiner „Bestürzung“ und seinem „tiefen Bedauern“ über die lediglich „kosmetischen“ Veränderungen. „Wir sind traurig und schockiert, daß sich die Fifa bei der Kommerzialisierung ihrer Ereignisse von den Nachrichtenmedien abwendet.“ Der Ton des BDZV war diplomatischer, die Kritik an der Fifa die gleiche: „Unsere Journalisten müssen online ebenso frei und umfassend in Text und Bild berichten können wie in der gedruckten Zeitung.“ Von einem Ende der Gespräche wollen auch die Deutschen nichts wissen.

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