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Fußball im Fernsehen : Das Runde muß ins Eckige

Ohne Phrasenschwein: Jörg Pilawa Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die WM ist nicht nur ein sportliches, sondern auch ein mediales Großereignis, größer und länger und deutscher und wahnsinniger als je zuvor. Die Sender überfluten die Zuschauer mit schlechten Shows, dabei reicht den Fans ein Klassiker im Nachtprogramm.

          Alle waren da beim großen Finale, die Kanzlerin, der Klinsi, der Kaiser, aber damit war es noch nicht genug der großen Ks, die derzeit zur Grundausstattung einer zeitgemäßen Fernsehshow gehören: Natürlich gab es Köche und Kinder und Karten für die WM, es gab jede Menge Klischees und ein besonders gräßliches Kostüm: Der Moderator hatte sich in eine Art aufblasbaren Ball gezwängt, mit Ärmeln und Beinen in den deutschen Farben, in dem er aussah wie das Truckermaskottchen Brummi oder, wenn man so will, wie dessen mittlerweile berühmterer real existierender Doppelgänger Reiner Calmund, und erklärte, als ob man tatsächlich noch eine Begründung benötigte, wenn man im deutschen Fernsehen schlechten Geschmack beweist, daß man ja den hübschen brasilianischen Tänzerinnen etwas entgegensetzen müsse. Es wird allmählich Zeit, daß die Ironie in den Kanon der deutschen Tugenden aufgenommen wird, vor allem die mißlungene.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war die letzte von vier Ausgaben der "WM-Show mit Jörg Pilawa", und das traurigste an dieser Veranstaltung ist sicher nicht, daß sie schon zu Ende ist; viel trauriger ist, daß sie nur am Anfang einer Lawine von Programmen steht, mit denen die Fernsehsender des Landes die Zuschauer auf das bevorstehende Sportfest vorbereiten wollen; und was noch trauriger ist: sie war nicht einmal die schlechteste. Und trotzdem wäre sehr viel Geld für einen guten Zweck zusammengekommen, hätte man in Pilawas Show das Phrasenschwein des DSF-Fußballstammtischs "Doppelpaß" aufgestellt, in das dort für jede ausgelutschte Fußballweisheit drei Euro einbezahlt werden müssen.

          Mit missionarischem Eifer

          Es ist keine Überraschung, daß die WM nicht nur ein sportliches, sondern auch ein mediales Großereignis wird, größer und länger und deutscher und wahnsinniger als je zuvor. Daß es ab dem 9. Juni nur noch ein Thema geben soll, ist längst beschlossene Sache, nur ein paar rechtelose Spielfilmsender wehren sich bemüht mit Alternativprogrammen: Das Vierte setzt auf "Wahre Männer statt Jungs in kurzen Hosen" und ruft die "Hollywood-WM" aus, Pro Sieben versucht unter dem Slogan "WM for the Girls" mit Filmen wie "Große Mädchen weinen nicht" und einer Wiederholung der fünf beliebtesten Folgen von "Sex and the City" die letzten Teenager zu erreichen, die sich noch nicht in Michael Ballack verliebt haben - und will sich andererseits am Ende doch nicht vorwerfen lassen, seinen von wem auch immer verordneten Bildungsauftrag nicht wahrzunehmen: "Feste Rubriken in allen Magazinen", so verspricht der Sender, sollen "das nötige Know-how" liefern, "um perfekt auf die WM vorbereitet zu sein."

          Fußball-Könige Kerner (ZDF) und Beckmann (ARD, r.)

          Mit missionarischem Eifer arbeiten fast alle Sender daran, die Zielgruppen des Landes zu einem einzigen Fanblock zusammenzuschweißen. Das Aufwärmprogramm zur WM ist eine gigantische Nachhilfestunde, nicht nur die Girls sollen spätestens zum Eröffnungsspiel die fundamentalen Regeln und die abgedroschensten Phrasen beherrschen. Wer bis zum 9. Juni noch immer nicht weiß, wer Goleo ist und daß er keine Hose trägt, was passives Abseits bedeutet und daß sich Netzer und Delling auch privat immer noch siezen, der sollte sich dringend schon mal nach einem Chatroom umschauen, in dem er während der WM seine sozialen Kompetenzen aufrechterhalten kann.

          Männerkrankheiten und stereotype Geschlechterrollen

          Das Fernsehen ist an solchen Bildungslücken ausnahmsweise einmal nicht schuld: Von allen Seiten wird das sogenannte Phänomen Fußball beleuchtet, der Mythos und seine Welt, für alle Bevölkerungsgruppen wird er zugänglich gemacht, für Frauen, für Mädchen, für Linke und für Literaten.

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