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Frankreich vor dem Halbfinale : Die Rache der Rentner - das Modell Zidane

Kennen sich von früher: die Fast-Rentner Chirac und Zidane Bild: picture-alliance / dpa

Plötzlich glauben alle wieder an das blaue Wunder. Frankreich träumt vom Fußball und spielt das Spiel von der idealen Gesellschaft. Le Pen ist mundtot und Chirac denkt im allgemeinen Rentner-Taumel an eine Verlängerung als Präsident.

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          Die Instrumentalisierung hatte schon vor dem Anpfiff in Deutschland begonnen. Deshalb wird in Frankreich keiner die unverhoffte Wende den Politikern zuschreiben. Schon gar nicht Chirac, der am Abend vor dem Spanien-Spiel im Fernsehen den ungeliebten Nationaltrainer lobte und doch nur seinen noch weniger geliebten Premierminister meinte. Wichtiger war Spaniens Trainer Arragones, der Thierry Henry mit rassistischen Sprüchen angestachelt hatte. Und die Presse, die Zidane in die Rente zu schießen versprach.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Auch Le Pen leistete Schützenhilfe. Angesichts des sich abzeichnenden Ausscheidens kritisierte er - wie 1998 - die „rassisch unausgewogene“ Aufstellung. Und erneut stimmte er die Leier von der „Marseillaise“ an, welche die Spieler nicht mitsingen würden. Vielleicht war es auch die Tatsache, daß in der Heimat Hunderte von Schülern ohne Aufenthaltsbewilligung versteckt werden, weil ihnen die Ausweisung droht und die Schonzeit mit dem Beginn der Ferien abgelaufen ist? Spätestens seit der Revolte der Jugendlichen in den Vorstädten war klar, daß der antifaschistische und multikulturelle Gesellschaftsvertrag, zu dem der Sieg von 1998 verklärt worden war, gescheitert ist.

          Multikultur im Aufwind

          Jetzt war der Ball wieder bei den Spielern. Nach den Spaniern besiegten sie in der Neuauflage des Endspiels von Paris auch die Brasilianer. Und plötzlich glauben alle wieder an das blaue Wunder. Frankreich träumt vom Fußball und spielt das Spiel von der idealen Gesellschaft. Nach dem Sieg über Spanien hat Innenminister Sarkozy einen Vermittler für die möglichen Opfer seiner massiven Ausweisungen - man befürchtete zehntausend Fälle - ernannt. Nicht einen herzlosen Beamten. Sondern den charismatischen Anwalt Arno Klarsfeld, der im Papon-Prozeß die Nachfahren der deportierten Juden vertrat. Es werden keine Kinder abgeschoben, verspricht Klarsfeld in den Medien. Er verkörpert das gute Gewissen des Innenministers und verschafft Sarkozy ein menschliches Antlitz. Dieser ist zwar der einzige wirkliche Fußballfan der Regierung, aber seinen Besuch lehnte die multikulturelle Nationalmannschaft ab. Spieler wie Thuram haben Sarkozy nicht verziehen, daß er angesichts der brennenden Autos die Banlieues mit einem Hochdruckreiniger der Marke „Kärcher“ säubern wollte.

          Seine innenpolitischen Gegner waren bereits in Deutschland. Die Siege der Fußball-Rentner verdrängen die Skandale aus den Schlagzeilen und lassen die Popularitätskurven der Politiker ansteigen. Nach den Krawallen in den Vorstädten und den wochenlangen Streiks, die sich an Villepins neuem Arbeitsvertrag für Berufseinsteiger entzündet hatten, ist für die Politiker die Stunde ihrer Revanche gekommen. Der Premierminister, der den Machtkampf gegen die Jugend verloren hatte, sonnt sich im Glanz des Vergleichs mit Domenech. Und bleibt trotz der Opposition in der eigenen Partei an der Macht.

          Stunde der politischen Rentner

          Der längst totgesagte Chirac schließt nicht mehr aus, daß er 2007 nochmals antreten werde: darüber werde er im Januar oder Februar befinden. Zwischen den Spielen gegen Spanien und Brasilien hat sogar Lionel Jospin ein Comeback angekündigt. Er war während der Weltmeisterschaft im eigenen Land Premierminister. Beim abgebrochenen Freundschaftsspiel gegen Algerien hatte er kurz nach dem 11. September vor den fliegenden Eiern der Fans die Flucht ergriffen und gezeigt, daß ihm das Format zum Staatsmann fehlt. Kurz darauf „schoß“ ihn Le Pen, der sich für 1998 rächen konnte, im Jahr der schlimmsten französischen Niederlagen bei der WM 2002 in Asien (kein Tor, kein Sieg) aus der Stichwahl. Beleidigt erklärte Jospin seinen endgültigen Rückzug von der Politik. Die Erinnerungen an den heitersten französischen Sommer seit 1945 machen ihm wieder Lust.

          Es ist die Stunde der politischen Rentner. Einfachere Gemüter erhoffen sich vom Triumphzug in Deutschland lediglich die Versöhnung mit der Globalisierung. Vor acht Jahren hatte der Sieg die Franzosen aus dem Vergangenheitstaumel befreit. Bei der Tour de France wurde dann auch noch ein Remake der „Säuberungen“, die der „Liberation“ gefolgt waren, inszeniert. Jetzt ist die historische Dynamik unvermittelt wieder in Gang gekommen. Mehr noch - 1998 erscheint geradezu als Vorspiel, das seiner Vollendung wartet. Die Schande von vor vier Jahren entspricht der Kollaboration und steht für den Verrat am Ideal. Nur an das Geld hatten die überheblichen Spieler gedacht. Jetzt werden die Uhren noch weiter zurückgedreht. In Deutschland will man für die Niederlage von Sevilla 1982 - mit Schumachers Foul - Revanche nehmen. Aber in den Köpfen rumort 1940. Diese Dynamik beflügelt 2006 die Auferstehung der antifaschistischen Fußballmannschaft.

          Und sollte sich das geläuterte Deutschland, dessen tolle Weltmeisterschaft im Zeichen der Völkerverständigung alle loben, gestern nicht für dieses historisches Endspiel qualifiziert haben, wären die von keinerlei Vergangenheitsbewältigung gehemmten Italiener ein angemessener Stellvertreter.

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