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Fifa-Chef von WM begeistert : Blatter über das deutsche Aus: „Da ist etwas gestoppt worden“

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„Ich kann verstehen, daß man trauert” Bild: AP

Fifa-Präsident Joseph Blatter hat die deutsche Halbfinalniederlage bedauert. „Ich habe das Gefühl, da ist etwas gestoppt worden. Nach fünf Wochen in dieser Begeisterung identifiziert man sich“, sagte der Chef des Fußball-Weltverbandes in Berlin.

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          Mitleid mit dem Gastgeber, Begeisterung über die beste WM und neue Bescheidenheit beim Thema Kommerz: Für Joseph Blatter hat der Fußball mit der WM in Deutschland einen Höhe- und Wendepunkt erreicht. Nach der Halbfinal-Niederlage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Italien empfand der Fifa-Präsident zunächst vor allem Bedauern. „Ich habe das Gefühl, da ist etwas gestoppt worden“, sagte der Chef des Weltverbandes am Mittwoch in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

          „Nach fünf Wochen in dieser Begeisterung identifiziert man sich. Ich kann verstehen, daß man trauert, aber man sollte auch sagen 'Bravo', das ist eine großartige Leistung.“ Der tollen Stimmung werde dies bis Sonntag keinen Abbruch tun. „Heute gibt es vielleicht einen Abfall der Stimmung, aber ein Finale ist immer eine Sache mit riesengroßer Begeisterung.“ Sein Urteil über die 18. Weltmeisterschaft steht sowieso fest: „Das ist die beste WM, nicht fußballerisch außerordentlich, aber vom Gesamtbild und der integrativen Kraft“, sagte Blatter. „Ich wäre mit mir selbst in Konflikt, wenn ich weniger loben würde.“

          „Nicht mehr maximieren sondern optimieren“

          Bei der WM sei mit den Fanfesten und dem Public-Viewing ein Ambiente geschaffen worden, das weltweit Wellen geschlagen habe. „Selbst in Kanada waren die Fernseheinschaltquoten höher als bei denen der Spiele der nordamerikanischen Eishockey-Liga“, so Blatter, der auch von der perfekten Organisation beeindruckt ist. „Die Meßlatte liegt jetzt sehr hoch“, sagte er mit Blick auf die WM 2010 in Südafrika.

          Einen Gipfelpunkt hat nach seiner Ansicht die Kommerzialisierung der WM erreicht. „Die Fifa sollte mit ihrer Superveranstaltung WM nicht alles wegnehmen, was auf dem Markt ist“, erklärte der 70 Jahre alte Schweizer. Es dürfe in diesem Bereich nicht mehr um „maximieren sondern optimieren“ gehen. „Da müssen wir mit Fingerspitzengefühl rangehen und sehen, was dem Fußball gut tut.“ Eine Konsequenz aus der neuen Strategie sei die Reduzierung der offiziellen Fifa-Partner von 15 auf sechs Sponsoren.

          Doppelpaß mit Beckenbauer

          Eine wichtige Rolle in der zukünftigen Fifa-Arbeit würde Blatter gerne Franz Beckenbauer, dem deutschen WM-Organisationschef, übertragen. „Beckenbauer wäre in der Fifa-Regierung ein Gewinn, denn wir brauchen Fußballer“, meinte er und lobte seinen „Kollegen, Freund und ab und zu Komplizen“ in höchsten Tönen: „Er hat in einer nicht klassischen, aber großartigen Form gezeigt, wie man ein OK führen und motivieren kann. Er führt mit gutem Beispiel und Charisma.“ Als sein Nachfolger käme der „Kaiser“ jedoch nicht in Frage. „Ich denke, daß er die Fähigkeiten hat, Fifa- oder Uefa-Präsident zu werden. Doch mit so vielen Werbeverträgen kann man den Posten nicht übernehmen.“

          Nicht spurlos vorbei gegangen ist an dem FIFA-Präsidenten die von Politikern geführte Kontroverse um die nun doch erfolgte Zuerkennung des Bundesverdienstkreuzes an und die Pfiffe in den Stadien gegen ihn. „Was mich betroffen gemacht hat, sind Kritiken, die meine Person betreffen. Das berührt mich, sonst würde ja mit mir etwas nicht stimmen“, bekannte Blatter. „Ich habe aber nicht gesagt, ich muß eine Auszeichnung haben.“

          Auf der Suche nach den Stars

          Kritisch beurteilt er das Niveau der WM-Spiele, das stark von der Taktik der Trainer bestimmt und begrenzt wurde. „Die Stars haben keinen Platz mehr zum Spielen, weil die Räume enger werden“, stellte Blatter fest. So sei ein Ronaldinho nicht zum Zuge gekommen, weil seine beim FC Barcelona bewunderte Klasse so nicht zur Entfaltung gekommen sei. Bei Argentinien sei Jung-Star Lionel Messi kaum eingesetzt worden, und der Engländer Wayne Rooney habe sich mit seiner Roten Karte selbst ins Abseits „getreten. So warten wir immer noch auf einen Star“, meinte er, verwies zugleich aber auf eine Ausnahme. „Doch dann kommt wie ein guter französischer Wein der Zinedine Zidane und wird im Alter immer besser.“

          Mit Besorgnis blickt er auf den italienischen Fußball-Skandal, in dessen Zug nicht nur Rekordmeister Juventus Turin der Zwangsabstieg droht. „Die Anklage ist eine harte Angelegenheit und wird nicht nur Italien erschüttern“, sagte Blatter. Die Fifa würde nun die Urteile abwarten, dann das Exekutivkomitee zusammenrufen und beraten, ob ein Eingreifen notwendig sei. „Wir dürfen es nicht nur beobachten“, warnte er.

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