https://www.faz.net/-g9o-t557

Eintrittskarte zum Glück : Die deutschen Momente der WM

  • -Aktualisiert am

Das deutsche Team berauschte sich an sich selbst Bild: picture-alliance/ dpa

Deutschland und die WM - das war in diesem Sommer viel mehr als nur Fußball. Was aber wird bleiben, wenn die Leere im Kopf überwunden ist, wenn ganz langsam nicht nur der Alltag, sondern auch das Bewußtsein zurückkehrt? Es liegt an jedem einzelnen. FAZ.NET-Bildergalerie.

          2 Min.

          Ja, wollen die denn gar nicht mehr nach Hause gehen? Über eine halbe Stunde nach dem Abpfiff des kleinen Finales war das Gottlieb-Daimler-Stadion immer noch voll besetzt. Weder der letzte Lichtblitz des Feuerwerks wurde als Zeichen für den Aufbruch wahrgenommen, schon gar nicht das Ende der Siegerzeremonie; noch nicht einmal, als der letzte Held von der Ehrenrunde in den Kabinengang abgebogen war, setzte der Massenauszug ein.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Diese Momente des kollektiven Glücks sollten am besten nie vergehen. Aber auch die Verlängerung des Fußballrausches in den Sonntag hinein, mit dem grandiosen Abschiedsfest der Nationalmannschaft am Brandenburger Tor konnte den Kater nur hinauszögern, nicht verhindern. Heute ist Montag und keine Weltmeisterschaft mehr. Basta. Was aber wird bleiben, wenn die Leere im Kopf überwunden ist, wenn am Dienstag nicht nur der Alltag, sondern auch das Bewußtsein zurückkehrt? Wird die Weltmeisterschaft eine Veränderung bewirken oder nur eine wunderschöne Erinnerung bleiben? Es liegt an jedem einzelnen.

          Klinsmanns Steilvorlage

          Jürgen Klinsmann hat mit seiner Arbeit auf jeden Fall allen eine Steilvorlage gegeben, persönlichen Nutzen aus dem Turnier zu ziehen. Wie er an seine Aufgabe heranging und sie erfüllte, ist über den Fußball hinaus beispielhaft: Situation analysieren, mit Hilfe eines Expertenstabes ein ganzheitliches Konzept erstellen und es mit aller Konsequenz gegen alle Widerstände umsetzen.

          Das deutsche Team berauschte sich an sich selbst Bilderstrecke

          Das klingt kühl und nach der Einsamkeit des Mächtigen. Aber Klinsmann hat seinem Amt und seiner Arbeit ein menschliches Antlitz gegeben. Er macht seine Entscheidungen transparent, sucht den offenen Dialog und genießt das Privileg, sympathisch, überzeugend und unverkrampft zu wirken, wenn er andere kritisiert und mehr Leistung fordert. Wer ihm nicht folgen will oder kann, dem vermag er mit Härte zu begegnen. Mit den Spielern und den Funktionsträgern, die ihm vertrauen und denen er vertraut, bildet er eine verschworene Gemeinschaft.

          Hunger nach Verbesserung

          Die Nationalspieler seines WM-Kaders haben sich verändert durch den Bundestrainer. Sie wirken wie Sportler und nicht mehr wie Fußballprofis. Sie spüren jetzt Klinsmanns Hunger nach Verbesserung und haben die Attitüde der verwöhnten, blasierten Stars weitestgehend abgelegt. Es geht um das Sein und nicht mehr um den Schein. Ihre Einstellung fragt nicht mehr nach der Bedeutung eines Spieles, das vor ihnen liegt. Die Vorstellungen des Nationalteams gegen Ecuador oder Portugal, Begegnungen, in denen es auf den Sieg nicht unbedingt ankam, fielen genauso überzeugend aus wie in den K.-o.-Spielen.

          Länderspielbesuche waren früher oft ein Akt bitterer nationaler Fußballpflicht, jetzt sind sie die Eintrittskarte zu einem beglückenden Erlebnis. Die deutsche WM-Party wäre nicht so überwältigend ausgefallen, wenn die Erfolge auf die althergebrachte Art und Weise zusammengezimmert worden wären. Deutschland und die WM - das war viel mehr als Fußball, vor allem dank Klinsmann. Die Deutschen haben schon vielen schlechteren Vorbildern zugejubelt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Westen misstraut den Chinesen. Besonders groß ist die Angst bei der Einführung des 5G-Mobilfunkstandards.

          Spionage-Vorwurf gegen Huawei : Hat Peking schon die Kontrolle?

          Innenpolitiker haben Angst davor, dass die Chinesen mit 5G-Technik den Mobilfunk ausspionieren – und Deutschland schaden. Doch das gegenwärtige Netz besteht schon aus Bauteilen von Huawei. Sind die Hintertüren also längst offen?

          Klimapaket : Weg frei für billigere Bahntickets

          CO2-Preis und Pendlerpauschale sollen steigen. Dafür werden Bahnfahrten günstiger. Die Bundesregierung und die Bundesländer haben sich jetzt doch weitgehend auf einen Kompromiss beim Klimapaket verständigt.
          Der Checkpoint Charlie ist eines der beliebtesten Touristenziele Berlins.

          Berliner Wahrzeichen : Ach, Charlie

          Soll man diesen Ort frei lassen, Hochhäuser errichten – oder einen gebauten Davidstern? Berlin streitet um die Bebauung des prominentesten innerdeutschen Grenzübergangs.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.