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Auswirkungen der WM : Ein Land im Bierrausch

Ein Bier auf die WM Bild: picture-alliance/ dpa

Die Fußball-WM verdrängt für vier Wochen viele Schwierigkeiten in Deutschland. Das ist bei den heimischen Brauereien nicht anders. Trinkfeste Fans wie die Engländer lassen den Bierkonsum in ungeahnte Höhen schnellen.

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          Zum Glück ist England noch dabei. Nicht auszudenken, das Mutterland des Fußballs hätte sich schon vor dem Viertelfinale aus dem Turnier verabschiedet - und mit ihm Zigtausende trinkfeste Fans. Es sind nämlich vor allem die Schlachtenbummler von der Insel, die in diesen Tagen die Biergärten und Kneipen bevölkern und so viel Gerstensaft trinken, als würden morgen die Quellen versiegen.

          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Ein bißchen mit Schaudern erinnert sich die Kassiererin eines Supermarktes im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen an das letzte Gruppenspiel der Engländer vor wenigen Tagen: „Die haben uns fast leer gekauft“, sagt die Frau in der weißen Kittelschürze. Doch nicht nur Engländer, auch Fans anderer Nationen und letztlich die eigene Frankfurter Stammklientel trinken wegen des guten Wetters mehr als sonst. Inzwischen hat sich die Situation offensichtlich normalisiert: Ein paar Kunden irren im Laden umher, die Regale mit den Bierflaschen sind wieder ordentlich gefüllt - bereit für den nächsten Kundenansturm, der spätestens zu den Viertelfinalspielen die Kassen in dem kleinen Supermarkt klingeln läßt.

          „Kleines Absatzplus gegenüber dem Vorjahr“

          Keine Frage, der Bierkonsum ist in ungeahnte Höhen geschnellt. So hoch, daß der Deutsche Brauer-Bund über eine Revision seiner Jahresprognose nachdenkt: „Wir hoffen auf ein kleines Absatzplus gegenüber dem Vorjahr“, sagt Birte Kleppien vom Branchenverband in Berlin. Was sich bescheiden anhört, ist im schrumpfenden Biermarkt eine kleine Sensation. Seit Jahren sinkt der Pro-Kopf-Verbrauch, weil der Bierdurst der Deutschen nachläßt und der Nachwuchs lieber zu Szenegetränken und Alkopops greift.

          Bild: F.A.Z.

          Trank vor zehn Jahren hierzulande jeder Bürger fast 140 Liter im Jahr, waren es 2005 nur noch 115 Liter. Von den 1274 Braustätten in Deutschland wirtschaftet angeblich weniger als die Hälfte mit auskömmlichen Margen. Branchenexperten schätzen die durchschnittliche Umsatzrendite der mittelständischen Betriebe auf ein halbes bis ein Prozent. Damit rangieren deutsche Brauer international auf den hintersten Rängen. Der Grund: ruinöser Preiswettbewerb im Handel und hohe Überkapazitäten.

          Anstieg durch WM-Vorratskäufe Anfang Juni

          Die Fußball-WM im Mutterland des Bieres kommt offenbar wie gerufen. Deutschlands Großbrauereien freuen sich über Rekordabsätze. Bis zu 19.000 Hektoliter Tagesproduktion meldet etwa die Veltins-Brauerei, rund 29.000 Hektoliter die Bitburger-Brauerei. Und bei Krombacher, der größten deutschen Biermarke, sind es fast 31.000 Hektoliter. „Wir sind guter Dinge, im Juni einen neuen Rekordabsatz in unserer gut zweihundertjährigen Unternehmensgeschichte zu erzielen“, sagt Krombacher-Sprecher Franz-Josef Weihrauch. Fast 600.000 Hektoliter wurden im Mai in dem Getränkekonzern im Siegerland gebraut, als sich die Deutschen für die WM bevorratet hatten.

          Jetzt, da die WM läuft und viele Kisten ausgetrunken sind, erwartet so manche Brauerei im Juni Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich. Engpässe beim Biernachschub gibt es nirgendwo. Nur die Bierkästen und das Leergut werden mancherorts knapp. Bitburger räumte Lieferengpässe ein, weil offenbar zu viele Fans nach den Fußballspielen es versäumten, leere Flaschen und Kästen zurückzubringen. Doch Bitburger kann das verkraften, auch weil es die einzige Brauerei mit Schankberechtigung in den zwölf WM-Stadien ist. Dort gibt es nur das amerikanische Budweiser und eben auch das deutsche Bitburger.

          Gute Stimmung am Tresen

          Die Privatbrauerei aus der Eifelstadt, seit einem Jahrzehnt Partner des DFB und der deutschen Nationalmannschaft, kann während der WM fast uneingeschränkt werben, ohne auch nur einen Cent an die Fifa zu zahlen. Monatelang hatte Bitburger mit dem offiziellen Fifa-Sponsor Anheuser-Busch und dem Weltfußballverband über die Rechte gestritten - und gewonnen. Weil die Anheuser-Marke „Bud“ ähnlich klingt wie Bitburgers „Bit“, hatten die Amerikaner schon einmal ein Werbeverbot für „Bud“ in Deutschland hinnehmen müssen.

          Die Stimmung am Tresen könnte kaum besser sein. Doch vielen Brauern schwant, daß es mit der Bierseligkeit nach der WM wieder vorbei ist. Die Branche, die jedes Jahr rund ein Prozent Umsatz verliert, wird nicht dauerhaft von der WM profitieren können. Schon droht ein Rauchverbot in der Gastronomie, und die zum Jahreswechsel bevorstehende Mehrwertsteuererhöhung dürfte ebenfalls nicht spurlos am deutschen Bierkonsum vorbeigehen. Nur wenige, im Ausland bekannte Biermarken wie Beck's und Warsteiner dürfen darauf hoffen, daß die vielen ausländischen WM-Touristen auch daheim „beer brewed in Germany“ kaufen. Und auch ein WM-Endspiel zwischen den Biernationen Deutschland und England wird an den nüchternen Aussichten nichts ändern.

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