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Zukunft des deutschen Fußballs : Klinsmanns Ruckrede und das Schweigen der Bundesliga

„Das alles können deutsche Fußballer!”: Jürgen Klinsmann Bild: picture-alliance/ dpa

Der deutsche Fußball schwimmt in der WM-Begeisterung - nur die Liga schweigt. Denn das Gebilde Nationalelf ist noch „zerbrechlich“. Vieles hängt vom Erfolg ab. Im Duell mit Argentinien geht es auch um Klinsmanns Ehre.

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          Furcht ist sicher keine hervorstechende Eigenschaft im Charakter von Jürgen Klinsmann. Aber es gibt sie. In den Tagen vor dem Viertelfinale gegen Argentinien ist sie wieder lebendig geworden. Es ist die Furcht vor dem Ende eines großen Traums. Seines Traums. Er hat es als Spieler schon zweimal erlebt, wenn alle Hoffnung in einem einzigen Spiel zerstört wird und die ganze Arbeit von vielen Monaten plötzlich nichts mehr wert ist.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Es waren die düstersten Momente seiner Karriere. Das Ende im WM-Viertelfinale, ein Albtraum. Klinsmann hat das schon zweimal durchgemacht. „Der totale Schock, für alle. Du stehst extrem unter Druck, unter Vollstrom. Die Emotionen gehen hoch. Jeder, der reinkommt, läßt Dampf ab. Da wird auf den Schiedsrichter und alles geflucht. Das ist, als ob die Welt einstürzt“, sagte Klinsmann in Erinnerung an die letzten Minuten seiner Karriere 1998. Er war wie in Trance, und in der Kabine hat er geheult.

          Es geht auch um Klinsmanns Ehre

          Vier Jahre zuvor in den Vereinigten Staaten war es noch schlimmer. Den WM-Titel „einfach weggeschmissen“, wie er sagt. Klinsmann hat Monate gebraucht, um sich von dem Schlag zu erholen. Deswegen hat er vor einer Woche das vielzitierte Wort von der „Katastrophe“ benutzt, die ein Ausscheiden im Viertelfinale für die Fußball-Nation auch heute bedeute. Er findet die Wortwahl mittlerweile ein bißchen überzogen. Aber das Wort von der Katastrophe drückt aus, was er damals empfand und was er heute wieder fürchtet. Eine unbeschreibliche Leere. „Allein schon deshalb darf nicht Schluß sein im Viertelfinale“, hat er nun in einem Interview mit der „Zeit“ gesagt.

          Aber es gibt noch eine andere Furcht, die den Bundestrainer in das Duell mit Argentinien begleitet, und diese Furcht ist für den deutschen Fußball von nicht geringer Bedeutung. Es geht in diesem Spiel auch um Klinsmanns Erbe, ob sich seine Vorstellungen durchsetzen. Noch sieht er, „wie zerbrechlich die ganze Sache ist“. Die verhaltenen Reaktionen aus der Bundesliga auf die sportlichen Erfolge, am Dienstag in dieser Zeitung dokumentiert, bestätigen Klinsmanns Skepsis.

          „Wir werden ihm dieses Gütesiegel verpassen“

          „Wenn wir rausfliegen würden gegen Argentinien, ginge die Diskussion wieder los: Wäre es nicht besser gewesen, abzuwarten? Erst mal hinten dichtzumachen? Auf Konter zu lauern? Deshalb ist es auch so wichtig, daß wir weiterkommen, noch weiter, bis zum Endspiel. Vor allem, damit dieser Prozeß das einzig entscheidende Gütesiegel bekommt: den Erfolg. Und wir werden ihm dieses Gütesiegel verpassen“, sagt der Bundestrainer. „Obwohl jeder sieht, daß das, was wir tun, was Mourinho bei Chelsea tut, Rijkaard in Barcelona, Wenger bei Arsenal, daß das für das Fortkommen des deutschen Fußballs alternativlos ist - richtiger wäre zu sagen: für das Aufholen des deutschen Fußballs alternativlos ist. Alle wissen das.“

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