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Vor dem Duell mit Schweden : Auf dem Klinsmann-Boulevard

  • Aktualisiert am

Genießt das neue Vertrauen Bild: AP

Die Ungewißheit, wie seine Arbeit am Ende bewertet wird, prägt Jürgen Klinsmanns Verhalten in den Stunden vor dem WM-Achtelfinale gegen Schweden. Der Bundestrainer will, daß der von ihm eingeschlagene Kurs weitergeht. Zur Not auch ohne ihn.

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          Jürgen Klinsmann betritt den großen Saal im Berliner ICC wie immer durch den Seiteneingang. Dann sind es nur noch zwanzig, dreißig Meter bis zur riesigen Bühne. Es ist die letzte Pressekonferenz vor dem Achtelfinale an diesem Samstag gegen Schweden (17 Uhr, im link -Live-Ticker tschechien deutschland) und wenn es in München nicht so laufen sollte, wie es Klinsmann und sein Team erwarten, dann könnte es auch die letzte Pressekonferenz des Bundestrainers gewesen sein, bei der er Zuversicht, Optimismus und unerschütterliches Selbstvertrauen verbreitet.

          Bevor Klinsmann die Bühne betritt, entdeckt er Thomas Helmer. Sie haben zusammen vor zehn Jahren die Europameisterschaft gewonnen, der letzte Titel, den Deutschland holte. Helmer arbeitet jetzt für einen Sportfernsehsender, sie begrüßen sich mit einem Handschlag auf Schulterhöhe, wie gute Kumpels. Das wirkt ziemlich locker, die Anspannung, die Klinsmann vor allem in den ersten Tagen der Weltmeisterschaft auf die Bühne begleitet hat, scheint verschwunden.

          Alle freuen sich

          Die Belastungen eines WM-Turniers, von denen er spricht, sieht man ihm nicht mehr an. Er lächelt schon, bevor die Fernsehleute das Zeichen geben, daß die Sender gleich mit ihren Live-Übertragungen beginnen. Klinsmanns erste Worte vermitteln eine positive Botschaft. "Alle sind fit, alle freuen sich auf das Achtelfinale", sagt er. Er spricht danach noch eine knappe halbe Stunde, einen Zweifel am Erfolg oder eine negative Einschätzung äußert er nie. Positives Denken nennt Klinsmann das. Die Deutschen haben sich daran gewöhnt, allmählich glauben sie daran.

          Ankunft in München
          Ankunft in München : Bild: dpa

          Die Pressekonferenz wird mit einer gewissen Spannung erwartet. Am Vortag hatte der Bundestrainer keinen Zweifel daran gelassen, daß er nach Amerika zurückkehren werde, wenn die deutsche Mannschaft nach dem ersten K.-o.-Spiel am Boden liegen sollte. Die Aussagen haben auch im Quartier für einige Aufregung gesorgt. Klinsmann, so heißt es, habe den Druck auf die Mannschaft erhöhen wollen. Aber die Schlagzeilen, die er damit machte, irritierten doch ein wenig, und es wurde daher nach einer Sprachregelung gesucht, um den Diskussionen die Schärfe zu nehmen. Die Spieler und das Spiel sollen wieder in den Mittelpunkt gerückt werden, nicht die Bundestrainerfrage.

          Zusätzlich motiviert

          Daß man in Deutschland im Achtelfinale nicht ausscheiden könne und auch ein Scheitern im Viertelfinale eine "Katastrophe" sei, dies sei "nicht auf meine persönliche Zukunft" bezogen gewesen, sagt Klinsmann nun einen Tag später. Er habe nur die Zielsetzung deutlich machen wollen, und natürlich "hat das Team dadurch nicht mehr Druck". Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm kommen später auch auf die Bühne. Auch sie wollen von zusätzlichem Druck nichts wissen. Lahm fühlt sich sogar "zusätzlich motiviert", wie er sagt. Es sei doch ein Lob, daß er uns das zutraue, sagt der Bayern-Profi.

          Daß er Bundestrainer bleiben wolle, sagt Klinsmann am Freitag aus guten Gründen natürlich mit keinem Wort. Er hat ja nun auch schon mehrmals versucht, seinen Assistenten Joachim Löw in Position für die Nachfolgeregelung zu bringen. Die Stimmen aber, die ihn in jedem Fall zu einer Vertragsverlängerung überreden wollen, werden mit jedem Tag zahlreicher, und es befinden sich im schwarzrotgoldenen Jubelchor mittlerweile auch ausgewiesene und mächtige Kritiker. Sogar die "Bild"-Zeitung, das Zentralorgan der Klinsmann-Kritik, ist am Tag vor dem Achtelfinale auf den Amerika-Kurs des Bundestrainers eingeschwenkt.

          „Jürgen ist weder Stammtisch noch Boulevard“

          Man müßte das alles nicht weiter erwähnen, wenn sich darin nicht auch eine veränderte Stimmung im Land gegenüber einem Bundestrainer und seinen Methoden ausdrückte, die vor wenigen Wochen noch unmöglich erschien. Um genau zu sein, muß man sagen, daß sich die Haltung gegenüber dem Bundestrainer vor allem in jenen deutschen Gefilden zu verändern beginnt, wo Klinsmann bisher immer seine natürlichen Feinde ausgemacht hat. "Fußball ist Stammtisch und Boulevard. Jürgen ist weder Stammtisch noch Boulevard", sagte Klinsmanns Berater schon zu dessen Amtsantritt.

          Nun ist der Bundestrainer nach knapp zwei Jahren also beim Boulevard angekommen und damit vielleicht auch endgültig in Deutschland und dem deutschen Fußball. An diesem Samstag kann das alles aber schon wieder vorbei sein. Man weiß noch nicht, wie weit das neue Vertrauen trägt. Eine Niederlage im Achtelfinale, glaubt Klinsmann, würde es noch nicht verkraften, dafür kennt er das Geschäft schon zu lange. Sechs große Turniere hat er als Spieler schon erlebt, nie war es anders.

          Keine Genugtuung

          Diese Ungewißheit, wie seine Arbeit am Ende bewertet wird, prägt auch sein Verhalten in den Tagen nach dem 3:0 gegen Ecuador, dem überzeugenden Gruppensieg mitsamt dem attraktiven Fußball, der Deutschland erste Anerkennung auch im Ausland eingebracht hat. Der Bundestrainer hat daher auch jede Gelegenheit ausgelassen, sich in diesen Tagen über die notorischen und berufsmäßigen Nörgler und Besserwisser zu erheben. Klinsmann ist gefragt worden, ob er Genugtuung verspüre, aber mit diesem Begriff mag er nichts anfangen. Es paßt nicht in sein Konzept, in seine Denkweise, sich mit solchen Dingen zu befassen und zu belasten. Das koste nur Energie, wie er meint. Klinsmanns sagt in diesen Tagen nur, daß er sich freue, daß sein Weg als erfolgreich wahrgenommen werde, mit den Fitnesstrainern und dem Psychologen.

          Er will, daß dieser Weg weitergeht, auch ohne ihn. Das ist ihm wichtig, dafür wirbt er. Am Tag vor dem Achtelfinale aber spricht Klinsmann nur von der Kraft und dem Glauben seiner Spieler an den Sieg. Ob in neunzig Minuten, hundertzwanzig Minuten oder im Elfmeterschießen, ganz egal. "Wir geben alles für den Sieg", sagt Klinsmann. Es ist seine letzte Antwort. Dann geht er, lächelnd. MICHAEL HORENI

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