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Urs Siegenthaler : „Nicht nur das sehen, was Sie sehen wollen“

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„Wir leben in einer Zeit, in der jeder sein Urteil über einen anderen ablegt, ohne ihn zu kennen“, bedauert Urs Siegenthaler, Klinsmanns Chefscout im Gespräch mit der F.A.Z.: „Wenn Sie nicht gedankenneutral an eine Sache herangehen, sehen Sie nur, was Sie sehen wollen.“

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          „Wir leben in einer Zeit, in der jeder sein Urteil über einen anderen ablegt, ohne ihn wirklich zu kennen“, bedauert Urs Siegenthaler. Der Chefscout von Jürgen Klinsmann sagt im Gespräch mit der F.A.Z.: „Wenn Sie nicht die Bereitschaft haben, gedankenneutral an eine Sache heranzugehen, dann sehen Sie nur, was Sie sehen wollen.“

          Wissen Sie, was Lionel Messi frühstückt?

          Nein, das weiß ich nicht (lacht).

          Torsten Frings sagte kürzlich, wollte er wissen, was ein gegnerischer Spieler zum Frühstück ißt, könnte er diese Information auch von Ihnen bekommen.

          Das ehrt mich. Aber soweit ist es noch nicht.

          Haben Sie interessante Details gefunden beim argentinischen Team, die etwas über ihre Schwächen sagen?

          Wenn Sie Stars beobachten, finden Sie nicht viele Fehler.

          Glauben Sie, die Argentinier hat das enge Mexiko-Spiel in Ihrem Selbstbewußtsein getroffen?

          Ich könnte Ihnen die Telefonnummer von Trainer Pekerman geben, der weiß da besser Bescheid. Das sind Spekulationen, davon möchte ich mich fernhalten.

          Was ist das System Pekerman?

          Die Argentinier spielen ihr Spiel: Jage den Ball! Sie stehen kompakt, sie betreiben Pressing. Pekermans Spieler haben sich mit 17 Jahren, mit 19 Jahren und 21 Jahren immer in gleicher Form verhalten. Sie wurden nur immer ein bißchen besser. Sie sind gewachsen. Wir gehen immer davon aus, daß es einfach nur Talente sind. Aber da wurde geübt, aufgezeichnet, verbessert. Die spielen Standardsituationen und stehen in der gleichen Aufteilung im Feld wie als Junioren. Ich habe Filme von Messi, wie er immer sein gleiches Repertoire herunterspielt, nur etwas verfeinerter und verbesserter als mit 16 oder 17 Jahren.

          Das Spiel der Argentinier ist sehr automatisiert, birgt das auch Nachteile?

          Nein. Der Fußball ist stark entwicklungsfähig. Er steckt in Sachen Taktik in den Kinderschuhen. Wir befinden uns in einer Phase, in der wir darüber nachdenken müssen und nicht nur gegen den Ball treten dürfen. In anderen Sportarten sind diese Automatismen Standard.

          Wieviel Material sammeln Sie über eine Mannschaft wie Argentinien?

          Das ist kaum vorstellbar, wieviel Material zusammenkommt. Ich habe schon aus der „U17" Videoaufnahmen, als diese Mannschaft entstand. Um ein Team wirklich beurteilen zu können, muß man auch kulturelle und politische Gegebenheiten eines Landes, eines Volkes und eines Menschen kennen. Erst dann bin ich in der Lage, diese Mitteilung zu geben, zu der ich stehen kann. Wir leben in einer Zeit, in der jeder sein Urteil über einen anderen ablegt, ohne ihn wirklich zu kennen.

          Das heißt im speziellen Fall?

          Ich habe Argentinien besucht. Der erste Gang ist meistens in ein Nationalmuseum. Das gibt mir den ersten Eindruck. Ich nehme jemanden mit, der sich auskennt, zu dem ich ein vertrauliches Verhältnis aufbauen kann. Ich will soviel wie möglich wissen über das Land, bis dahin, warum es Korruption gibt. Das sind Fragen, die sich auf Fußballspiele übertragen lassen.

          Wie?

          Zum Beispiel sagt es etwas darüber aus, in welchem Umfeld die Spieler aufwachsen. Diese kleinen Randgeschichten gewähren mir einen anderen Blick. Ich will mehr tun, als bisher in diesem Bereich der Spielbeobachtung getan wurde. Enttäuschend für mich ist immer wieder, wie voreingenommen Menschen sein können. Wenn Sie nicht die Bereitschaft haben, gedankenneutral an eine Sache heranzugehen, dann sind Sie von Ihrer Vorgabe schon so gefesselt, daß Sie nur noch sehen, was Sie sehen wollen.

          Wieviel Zeit hat die Vorbereitung auf das Argentinien-Spiel gekostet?

          Die dauert Tage. Uns liegen in der Zusammenarbeit mit der Sporthochschule in Köln erst einmal gewisse Grunddaten vor. Als Argentinien als Gegner feststand, habe ich den Trainern am nächsten Tag ein Papier vorgelegt, damit sie sehen, mit wem sie es zu tun bekommen. Es geht um mögliche Positionen, mögliche Aufstellungen. Dann versuche ich den Knackpunkt zu finden, warum der Gegner so spielt, wie er spielt. Vielleicht sehe ich etwas, erahne oder spüre, wo für uns etwas zu machen ist auf dem Feld.

          Gibt es eine Kernbotschaft?

          Joachim Löw hat das schon gesagt: Argentinien ist ein gewachsenes Team. Was das deutsche Team in sechs Wochen getan hat, haben die Argentinier in mehr als sechs Jahren aufgebaut.

          Worauf legen Sie Wert beim Erstellen der DVD für die Mannschaft?

          Ich suche mir bestimmte Szenen, die das Spiel des Gegners beschreiben, die mehr als einmal passieren. Diese werden dann zu einem Kapitel zusammengeschnitten und auf DVD gebrannt.

          Wie stark ist der Kontakt zu den Spielern der Nationalelf - oder geht Ihre Arbeit nur über die Trainer?

          Nein, auch die Spieler gehen bei mir ein und aus. Ich müßte manchmal draußen ein Schild an meine Zimmertür hängen mit der Aufschrift: Besetzt. Bitte später probieren.

          Wie geht das Spiel gegen Argentinien denn aus?

          Da kann ich Ihnen die Telefonnummer vom lieben Gott geben.

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