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Übersteiger : Bitte nicht zum Altpapier!

Der Übersteiger: Die FAZ.NET-Fußball-Kolumne - auch zur WM Bild: fem

Was stand eigentlich auf dem Spickzettel, den Jens Lehmann während des Elfmeterschießens gegen Argentinien las: Die Telefonnummer der Trattoria fürs After-Match-Dinner mit Olli Kahn? Oder die Liste fehlender Panini-Bildchen? Das Stückchen Zellulose ist ein Dokument der Zeitgeschichte.

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          Man kennt das aus schlechteren Tatort-Krimis. Verhör: Der Verdächtigte leugnet zäh, der Kommissar probiert alles. Drohen, Schmeicheln, Wüten, nichts hilft. Da kommt der Assistent rein, schiebt einen Zettel hin. Der Kommissar liest, schaut triumphierend auf, liest noch einmal, schiebt den Zettel weg, ganz langsam. Er lächelt. Es ist dieser Blick: Jetzt habe ich dich. Ein alter Trick, mag sein, doch tut er immer noch seine Dienste. Denn kaum etwas kann entwaffnender sein als dieses Gefühl, daß der andere mehr weiß; dieses Gefühl, durchschaut zu sein.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Esteban Cambiasso wird es gehabt haben am Freitag abend in der letzten Minute der argentinischen WM-Teilnahme. Hätte Jens Lehmann gewollt, daß der Schütze nicht wußte, was er weiß, er hätte den Zettel, der ihm von der Bank gesteckt worden war, nur unauffällig studiert. So wie er, als er 1997 sein erstes großes Elfmeterschießen entschied und Schalke den Uefa-Cup bescherte, die Information über die Lieblingsecke des Inter-Stürmers Ivan Zamorano ganz heimlich aus dem Laptop von Trainer Huub Stevens hatte - und das dem Schützen nicht verriet. Mit dem Argentinier aber spielte er, als er den Spickzettel umständlich aus dem Stutzen fummelte und demonstrativ las, ein anderes Spiel: Ich sehe was, was du nicht siehst.

          Ätsch, Argentinien!

          Was stand wirklich auf dem Zettel? Stand überhaupt was drauf? Ein Boulevardblatt hat ihn seinen Lesern stolz präsentiert, um dann im Kleingedruckten einzuräumen, daß man das abgebildete Stückchen Papier selber beschriftet hatte. Wir vermuten deshalb eher, daß da was ganz anderes stand. Vielleicht die Telefonnummer der Trattoria fürs After-Match-Dinner mit Olli Kahn. Oder die Liste der noch fehlenden Panini-Bildchen. Oder einfach nur: Ätsch, Argentinien. Wichtig war der Zettel, nicht was draufstand.

          Auch Marco van Basten, der Trainer der Niederlande, hat sich, wie viele Auszubildende, schon schöne Spickzettel gemacht. Einer ist im Museum von Ajax Amsterdam ausgestellt. Auf ihm hatte der damals 15jährige Musterschüler aufgelistet: "14 Finten, die ich beherrsche". Lehmann beherrscht vielleicht keine 14 Finten, das braucht mal wohl auch nicht als Torwart - aber vor allem die, die dem Schützen hilft, sich einen Knoten ins Hirn zu denken. Denn das ist für den Torwart schon die halbe Miete.

          Deshalb darf auch das Stückchen Zellulose, 90 Quadratzentimeter, die Argentinien verwirrten und Deutschland beglückten, nicht zum Altpapier. Ein Dokument der Zeitgeschichte - es gehört in ein künftiges deutsches Fußballmuseum. So wie der Geist von Spiez, die Fahne von Bachramow, die Schulterbinde von Beckenbauer, die Mütze von Schön und der Mittelfinger von Effenberg. Lehmanns Liste, Zettels Traum - vielleicht schon nächsten Sonntag wieder, im Tatort aus Berlin.

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