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Oliver Bierhoff im Interview : „Die Welt hat wieder Respekt vor uns“

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„Wenn es hart auf hart geht, sind die Italiener ängstlich” Bild: dpa

Teammanager Oliver Bierhoff spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über prügelnde Argentinier, das mitreißende Spiel der deutschen Nationalelf, eine ehrliche Geste von Oliver Kahn und die Zukunft von Bundestrainer Jürgen Klinsmann.

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          Teammanager Oliver Bierhoff spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über prügelnde Argentinier, das mitreißende Spiel der deutschen Nationalelf, eine ehrliche Geste von Oliver Kahn und die Zukunft von Bundestrainer Jürgen Klinsmann.

          Die deutsche Mannschaft hat gegen Argentinien ein ganz anderes WM-Spiel abgeliefert: Sehen Sie es als gelungene Reifeprüfung oder auch kritisch, weil sie erstmals Ihren Offensivfußball nicht durchsetzen konnte?

          Kritisch sehe ich das Spiel überhaupt nicht. Eher als Reifeprüfung. Man kann in einem Turnier nicht jedes Spiel so dominieren wie gegen Schweden, das hängt auch vom Gegner ab. Argentinien war ein absoluter Favorit für die WM. Aber es ist schon so, daß die Mannschaft in der ersten Halbzeit nicht so gespielt hat, wie wir das gewohnt waren. Man hat eine gewisse Nervosität gespürt, ein paar Dinge gesehen, die die Spieler nicht so umgesetzt haben, wie es die Trainer haben wollten. Aber die Mannschaft hat Moral gezeigt, konzentriert gearbeitet, kein Torchance zugelassen. Und sie hat es nach dem 0:1 geschafft, noch einmal zurückzukommen, noch einmal das Tempo zu erhöhen. Es war schon beeindruckend. Wir sind wieder auf höchstem Niveau angekommen. Die Fußball-Welt hat wieder Angst und Respekt vor uns.

          „Du mußt mindestens zwei Elfmeter halten”

          Zum perfekten WM-Verlauf hat nur noch gefehlt, daß Jens Lehmann einen Sieg rettet.

          Man hat ihm direkt nach dem Spiel angemerkt, wie befreit er ist, daß er seine Nominierung rechtfertigen wollte. Oliver Kahn hätte vielleicht auch das Elfmeterschießen entschieden, das hat er ja auch schon bei Bayern München gemacht. Aber es war dennoch schön für Jens, bei einem Spiel der entscheidende Faktor zu sein.

          Waren die Umarmungen zwischen Lehmann und Kahn Show oder echt?

          Für Oliver ist es manchmal keine leichte Situation. Man freut sich natürlich, man kommt weiter, ist ein Teil der Mannschaft. Aber wenn man nicht gespielt hat, entsteht ein bißchen das Gefühl, es ist ja doch nicht ganz mein Erfolg. So wie er sich verhält, ist es absolut ehrlich gemeint. Ich sehe es auch vor dem Spiel, wie er zu Jens geht und ihm auf die Schulter klopft, ihm viel Glück wünscht. Daß das nicht ganz so frei ist, wie es beim besten Freund von Jens der Fall wäre, ist doch auch klar.

          Lehmann bekam einen Zettel vor dem Elfmeterschießen zugesteckt. Wissen Sie, was darauf stand?

          Ja. Es stand darauf: Du mußt mindestens zwei Elfmeter halten. Wenn er so konzentriert ist, dann vergißt er manchmal Sachen. Deshalb haben wir es ihm aufgeschrieben.

          Das Elfmeterschießen endete mit dem deutschen Triumph und argentinischen Tumulten. Was haben Sie den Argentiniern angetan, daß sie so hinter Ihnen her waren?

          Weiß ich auch nicht. Ich habe eigentlich nichts getan, ich wollte nur schlichten, weil ich gesehen habe, wie Per Mertesacker getreten wurde.

          Das war der Auslöser?

          Das war der Auslöser, Cufre hat dafür auch vom Schiedsrichter die Rote Karte gesehen. Dann sah ich, wie die anderen Spieler aufeinanderzugegangen sind. Da hab ich mir gedacht: Bevor ein Spieler Blödsinn macht, gehst du dazwischen.

          Hatten Sie Angst zwischendurch?

          Nicht um mich, eher Angst, daß die Spieler falsch reagieren. Das ist ja schwer für sie, nach einem Tritt oder einem Schlag ruhig zu bleiben. Man verteidigt sich, und schon wird man gesperrt.

          Haben Sie Angst, daß die Fifa nach der Untersuchung einen deutschen Spieler sperren könnte?

          Nein. Höchstens Maxi Rodriguez könnte noch bestraft werden, weil er versucht hat, Basti Schweinsteiger auf den Kopf zu schlagen.

          Die Argentinier behaupten, Sie wären durch den übertriebenen Jubel der Deutschen provoziert worden.

          Selbst wenn es so wäre, kann das nicht als Entschuldigung für Ihr Verhalten herhalten. Es ist traurig, daß wir es nicht geschafft haben, was die Fans bei dieser Weltmeisterschaft demonstrierten: friedlich mit Sieg und Niederlage umzugehen.

          Wer hat nun provoziert?

          Es war so, daß die Argentinier unsere Elfmeterschützen auf dem Weg zum Ball versucht haben, mit Beschimpfungen und Rufen aus dem Konzept zu bringen. Als Tim Borowski nach seinem verwandelten Elfmeter zurückging, hat er sie angeschaut und gelächelt. Die Argentinier können das als Provokation aufgefaßt haben. Ich kenne so ein Verhalten von meinen Spielen in Süditalien. Mit Ayala und Coluccini habe ich in meiner Mailänder Zeit noch gespielt, aber selbst die waren diesmal am Ende außer Rand und Band.

          Torsten Frings sprach davon, die Argentinier hätten wild um sich geschlagen. Sind deutsche Spieler verletzt worden?

          Nur Per Mertesacker, der durch den Tritt einen Stollenabdruck auf dem Oberschenkel hat, da ist was aufgerissen. Er war entsetzt und verärgert, daß so etwas vorkommen kann. Ansonsten gab es Rangeleien und mal einen Schlag, es wurde auch gezwickt.

          Vor vier Monaten wäre das Projekt Klinsmann gegen Italien durch die 1:4-Niederlage fast gescheitert, jetzt geht es um den Einzug ins Finale: Was ist der Schlüssel zum Sieg?

          Ja, so ist Fußball. Das Italien-Spiel im März war sicher der kritischste Punkt. Wenn das Spiel gegen die USA auch noch verloren gegangen wäre... Es hatten sich einige aufgestellt und gesagt, vielleicht ist es doch besser, vor der WM noch mal den Trainer zu wechseln. Das alles, auch unsere Leistung damals, hat mit dem Spiel am Dienstag nichts mehr zu tun. Wir werden wieder aggressiv und diszipliniert spielen müssen.

          Wo liegt der Schwachpunkt der Italiener?

          Es sind einige. Die Italiener mögen es nicht, wenn ihr Spielaufbau früh gestört wird. Aus meiner Erfahrung ist es so, wenn es hart auf hart geht, sind die Italiener eher ein bißchen ängstlich, gehen einen Schritt zurück. Das könnte für uns ein Vorteil sein.

          Klinsmann hat seine eigene Hürde übersprungen, die deutsche Mannschaft steht im Halbfinale: Bleibt er jetzt auch Bundestrainer?

          Das wird sich bis zum Finale nicht entscheiden. Wir lassen ihm die Zeit, das ist auch mit Präsident Zwanziger so abgesprochen, daß er nach dem letzten Spiel mit der Familie Urlaub macht und sich in Ruhe entscheidet.

          Die Fragen stellte Peter Heß.

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