https://www.faz.net/-g9o-t1rh

Bundestrainer im Interview : Klinsmann: „Ein ganzes Land stolz gemacht“

  • Aktualisiert am

Erster Trostspender Bild: dpa

Sein großes Ziel, mit der deutschen Mannschaft den WM-Titel zu gewinnen, hat Jürgen Klinsmann nicht erreicht. Im Interview erklärt der Bundestrainer, warum das Turnier trotzdem ein Erfolg war und wie er sich seine Zukunft vorstellt.

          2 Min.

          Sein großes Ziel, mit der deutschen Mannschaft den WM-Titel zu gewinnen, hat Jürgen Klinsmann nicht erreicht. Im Interview erklärt der Bundestrainer, warum das Turnier trotzdem ein Erfolg war und wie er sich seine Zukunft vorstellt.

          Jürgen Klinsmann, Sie haben das Finale denkbar knapp verpaßt. Wie tief sitzt die Enttäuschung?

          Das ist natürlich schwer in Worte zu fassen. Die Enttäuschung ist riesengroß. Es ist eine bittere Pille, die man erst einmal schlucken muß.

          „Die Enttäuschung ist riesengroß”

          Wie war die Stimmung in der Kabine?
          Die Spieler waren natürlich sehr geknickt. Ich habe der Mannschaft aber sofort gesagt, daß sie riesig stolz auf sich sein kann, daß sie Fantastisches geleistet hat. Sie ist immer an die Grenzen gegangen, hat totale Leidenschaft gezeigt.

          Ist es überhaupt möglich, die Mannschaft bis Samstag, bis zum Spiel um Platz drei, wieder aufzurichten?
          Ich denke, die Mannschaft hat genug Charakter, sich mit Anstand zu verabschieden. Sie hat es verdient, in Stuttgart fantastisch empfangen zu werden. Wir wollen das Publikum noch einmal begeistern. Wir wollen Tempo machen und die WM mit einem Erfolg beenden. Ich denke, die Jungs werden alles geben. Wir werden versuchen, sie wieder aufzurichten.

          Wie sehen Sie die Zukunft der deutschen Mannschaft?
          Die Spieler haben unglaubliches Potential. Sie haben im Weltfußball auf sich aufmerksam gemacht. Mir ist nicht bange, im Gegenteil. Deutschland kann optimistisch sein, vor allem wenn man sieht, daß viele Spieler von uns noch sehr jung sind und zum Teil sogar noch in der U21 spielen dürften. Viele Spieler haben sich international einen Namen gemacht. Das ist ein großes Lob, daß europäische Spitzenklubs Interesse an unseren Jungs zeigen.

          Fühlt man an einem solchen Tag auch Stolz auf das Geleistete?

          Auf jeden Fall. Die Mannschaft hat ein fantastisches Turnier gespielt. Sie hat sich zerrissen und ist bis an ihre Grenzen gegangen. Ich habe die allerhöchste Hochachtung davor, was unsere Truppe geleistet hat. Diese Mannschaft hat Charakter, sie hat ein ganzes Land stolz gemacht. Man kann ihr nur Komplimente machen. Diese WM war ein Riesenerfolg für die Mannschaft und ganz Deutschland. Wir haben der Welt ein anderes Gesicht von Deutschland gezeigt.

          Hat sich letztlich die Cleverneß der Italiener durchgesetzt?

          Die Italiener waren sehr kaltschnäuzig, dafür gebührt ihnen ein Kompliment. Ich habe Marcello Lippi direkt nach dem Spiel gratuliert und ihm gesagt, daß wir ihnen die Daumen im Finale drücken. Kann sein, daß die Italiener am Ende den Tick cooler waren und deshalb ihre Chancen genutzt haben. Sie haben uns spät bestraft. Aber es ist sicher falsch, jetzt schon in eine detaillierte Analyse zu gehen.

          Vor dem Turnier haben Sie noch geglaubt, daß Deutschland Weltmeister wird.

          Daran haben wir geglaubt, bis wir zwei Minuten vor dem Ende das erste Tor gefangen haben.

          Ihnen bleibt letztlich nur das Spiel um Platz drei. Kann man sich dafür überhaupt noch einmal richtig motivieren?

          Ich denke, die Mannschaft hat genug Charakter, sich mit Anstand zu verabschieden. Sie hat es verdient, in Stuttgart phantastisch empfangen zu werden. Wir werden uns alle Mühe geben, die Jungs wieder aufzurichten. Es tut weh, wenn man ein Halbfinale in letzter Minute verliert. Aber ich denke, sie werden am Samstag trotzdem wieder alles geben und ein gutes Spiel abliefern.

          Franz Beckenbauer hat den Wunsch geäußert, daß Sie Bundestrainer bleiben, und auch Ihre Beliebtheit bei den Fans ist während des Turniers stetig gewachsen. Werden Sie bleiben?

          Ich weiß es wirklich noch nicht, und ich verschwende daran im Moment auch überhaupt keinen Gedanken. Nach so einem Turnier muß man erst mal in sich gehen und alles sacken lassen. Es ist viel passiert in den letzten zwei Jahren, da muß man erst einmal durchschnaufen. Ich habe zwei Jahre lang die volle Energie reingelegt und an nichts anderes gedacht als den Finaleinzug. Dennoch freut es mich auch jetzt, daß Anerkennung und Respekt da ist. Ich werde mich die nächsten Tage mal mit meiner Frau und meiner Familie unterhalten, und dann wird irgendwann eine Entscheidung fallen. Ich habe auch schon Dr. Zwanziger und Herrn Mayer-Vorfelder (die DFB-Präsidenten, d. Red.) um Bedenkzeit gebeten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die draußen gegen die drinnen: Aktivisten demonstrieren am Mittwoch vor den Türen der Messehalle in Madrid.

          Klimagipfel in Madrid : Aufbruch im Mäuseschritt

          Beim Klimagipfel in Madrid trifft Protest auf Politik, ehrgeizig wollen alle sein. Doch im Inneren der Messehalle sind selbst kleine Kompromisse mühsam – vielversprechend klingt nur der „Green Deal.“
          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.