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Auf Klinsmann folgt Löw : Recht auf Kontinuität

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Gesichter-Wechsel: Auf Klinsmann folgt Löw Bild: REUTERS

Alle Bitten waren umsonst. Jürgen Klinsmann geht als Bundestrainer auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Mit Elan, Mut und Radikalität setzte er sich gegen massive Widerstände durch. Nun wird das System Klinsmann unter Joachim Löw fortgesetzt - ein schweres, aber auch verlockendes Erbe. Ein Kommentar von Michael Horeni.

          Jürgen Klinsmann hat Deutschland bewegt. Nur drei Tage nach dem Finale der Fußball-Weltmeisterschaft und dem Abschied der deutschen Nationalelf von ihren Anhängern vor dem Brandenburger Tor hat der Bundestrainer sein Projekt für beendet erklärt. Die Fußballnation hat an der Entscheidung Klinsmanns in den vergangenen Tagen in außergewöhnlicher Weise Anteil genommen. In Zeitungen und im Internet wurden über eine Million Unterschriften für seinen Verbleib gesammelt.

          In Umfragen sprachen sich weit mehr als neunzig Prozent der befragten Deutschen für eine Vertragsverlängerung aus. Die Bundeskanzlerin schloß den Bundestrainer nach der Ehrung für den dritten Platz am Samstag in die Arme - so herzlich hatte man Angela Merkel vorher noch nicht erlebt. Allen Gunstbezeugungen und allem Flehen war jedoch kein Erfolg beschieden. Klinsmann hat am Dienstag abend seinen Rücktritt erklärt und die Aufgabe seinem bisherigen Assistenten Joachim Löw übertragen.

          Der Erneuerer aus Amerika

          Seit dem Rückzug Franz Beckenbauers nach dem Gewinn des letzten Weltmeistertitels 1990 hat kein Bundestrainer mit seinem Abschied ein solches Verlustgefühl hinterlassen. Der neunte Bundestrainer des Deutschen Fußball-Bundes war nicht einmal zwei Jahre auf diesem Posten, so kurz wie keiner seiner Vorgänger außer Erich Ribbeck. Aber niemals zuvor erlebte der deutsche Fußball eine spannendere und aufregendere Zeit als die mit dem Erneuerer aus Amerika.

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          Mit Elan, Mut und Radikalität setzte er gegen massive Widerstände ungeahnte Veränderungen ins Werk, deren befreiende Wirkung die Deutschen in den vergangenen Wochen nicht mehr missen wollten. Die berechtigte Sorge, daß der deutsche Fußball von den Mächtigen im Verband und in der Bundesliga wieder zurück in den alten Trott geführt werden könnte, war daher auch ein starkes Motiv für die überwältigende Unterstützung, die Klinsmann in den vergangenen Tagen erfuhr. Er geht nun auf dem Höhepunkt seiner Popularität.

          Haltung des Bundestrainers verdient Respekt

          Es wäre jedoch überraschend, wenn die beiden Begründungen, die Klinsmann für seinen Abschied gegeben hat, nicht schon wieder zu kontroversen Diskussionen führen sollten. Der Bundestrainer erklärte seinen Rückzug mit dem Wunsch nach Rückkehr zu familiärer Normalität - sowie mit seiner Erschöpfung nach zwei nicht nur das Land anregenden, sondern ihn auch persönlich aufreibenden Jahren. Die Haltung des Bundestrainers, der glaubte, nach diesem Kraftakt nicht mehr die nötige Energie für die bevorstehenden neuen Aufgaben zu besitzen, verdient Respekt.

          Pflichtbewußtsein läßt sich nämlich auch auf diese Weise verstehen. Sein konsequenter Weg widersetzte sich selbst am letzten Tag den üblichen Verhaltensmustern von männlichen Führungskräften nicht nur im Fußballgeschäft. Die eigene Karriere zugunsten der Familie auf unbestimmte Zeit ruhenzulassen und auch auf die Signale des eigenen Körpers zu hören, das ist für viele Traditionalisten mindestens so schwer zu verstehen wie das Neue, das der Projektleiter Klinsmann vor zwei Jahren mit nach Deutschland gebracht hat.

          Löw kann weiter auf großen Stab bauen

          Der Vorwurf, Klinsmann habe sich nach dem großen Fußballsommerfest nun den Mühen der Ebene mit der undankbaren Qualifikationsrunde zur Europameisterschaft entziehen wollen, dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Schon in den letzten Tagen der Weltmeisterschaft war der Bundestrainer öffentlich von Beckenbauer und den Nationalspielern in Haftung genommen worden, seine Arbeit fortzusetzen, weil die junge, entwicklungsfähige Mannschaft noch nicht am Ende ihres Weges angekommen sei. Klinsmann hat stets versucht, sich diesem Druck zu entziehen, indem er den Blick von Personen auf Programme zu lenken suchte.

          Das System Klinsmann wird unter neuem Namen fortgesetzt. Ob das auch ohne die charismatische Führungskraft gelingt, ist eine noch lange nicht entschiedene Frage. Die Reputation, die sich der bisherige Bundestrainer mit seinem Team erworben hat, war dank des Erfolgs bei der Weltmeisterschaft schon groß genug, um eine komplette personelle Neuausrichtung zu verhindern. Sein Nachfolger Löw kann weiter mit dem gesamten Stab aus Fitnesstrainern, Psychologen und Spielbeobachtern an der offensiven und zuletzt begeisternden Fußballphilosophie feilen.

          Der EM-Titel als Ziel

          Das Recht auf Kontinuität hat sich das Team aus eigener Kraft erworben. Löw hat gleichwohl allein den jüngsten Erfolgen seinen Aufstieg vom Assistenten zum Cheftrainer zu verdanken, nicht seiner Vita. Sein Weg als Trainer ist nicht von außergewöhnlichen Erfolgen geprägt. Damit wird, Ironie der Fußball-Geschichte, ausgerechnet von den Erneuern des deutschen Fußballs auch eine über ein halbes Jahrhundert gängige beamtenhafte Beförderungspraxis bei der Bundestrainerauswahl wiederbelebt.

          Der Schatten, den Klinsmann mit seinem Rückzug nach Kalifornien hinterläßt, ist lang. Die Standfestigkeit und die Courage, die ihn in den Auseinandersetzungen mit den Meistern des Populismus aus der Bundesliga und vom Boulevard auszeichneten, muß sein fachlich erstklassiger, aber öffentlich noch schwach konturierter Nachfolger erst beweisen. Die Schwierigkeiten werden schon bald kommen, wenn die gegen Rückschläge nicht gefeite Auswahl die ersten Spiele verlieren sollte.

          Der Weg des herzerfrischenden Angriffsfußballs, der in diesen Tagen vom künftig alleinverantwortlichen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger als beispielhaft für alle Nationalmannschaften des Verbandes ausgegeben wird, ist noch nicht endgültig abgesichert. Dazu bedarf es der Erfolge unter Löw schon bei der Europameisterschaft 2008. Er hat sich den Titel zum Ziel gesetzt. Der neue Bundestrainer tritt ein schweres, aber auch verlockendes Erbe an.

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