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André Heller : „Es ist ewig schade, daß die Welt das nicht zu sehen bekommt“

  • Aktualisiert am

„25.000 Bilder” - André Heller über die geplatzten Pläne Bild: REUTERS

Anderthalb Jahre Arbeit stecken bereits in der Eröffnungsgala zur Fußball-WM. Jetzt hat die Fifa sie abgesagt. André Heller über Ausweich- und Ersatzgedanken, Tore, die aufs Spielfeld laufen, und was wir sonst noch verpassen werden.

          Zum ersten Mal sollte im Juni in Berlin ein den Eröffnungsveranstaltungen von Olympischen Spielen vergleichbares Ereignis auch einer Fußballweltmeisterschaft vorausgehen. Motto: „Die Welt zu Gast bei Freunden.“ Die künstlerische Leitung des von der früheren Bundesregierung mit auf den Weg gebrachten und danach vom Internationalen Fußballverband Fifa übernommenen und finanzierten Prestige-Unternehmens hatte der österreichische Multimedia-Künstler André Heller. Seit eineinhalb Jahren wurden dafür umfangreiche Vorbereitungen getroffen. Jetzt hat die Fifa das Großereignis mit der Begründung abgesagt, der Rasen im Berliner Olympiastadion werde dadurch Schaden nehmen.

          Herr Heller, wann ist das Thema Rasen zum erstenmal aufgekommen? Hat man daran nicht früher gedacht?

          Man muß das in einem größeren Zusammenhang sehen. Das war alles streng geheim, aber jetzt kann ich ja darüber reden: Bis zur Premiere hätten wir in das Stadion einen LED-Boden in der Größe eines Spielfeldes eingebaut. Sie müssen sich das so vorstellen, daß sich die ganze Rasenfläche in einen riesigen, computergesteuerten Flachbildschirm verwandelt hätte, der unsere Bühne gewesen wäre. Auf dieser LED-Bühne wären dann in manchen Augenblicken bis zu dreizehntausend Menschen mit ebenfalls computergesteuerten Kostümen aufgetreten, zudem noch mit Projektoren von außen bestrahlt, so daß man nicht mehr gewußt hätte, was Schein und was Sein ist, wo die Realität endet und wo die Illusion beginnt.

          Das erforderte einen unglaublichen, noch nie dagewesenen technischen Aufwand. Die Ausrüstung hätte wochenlangen Aufbau, aber auch einen Abbau innerhalb von etwa fünfzehn Stunden erfordert. Zuvor wäre der Rasen abgetragen und später wieder aufgerollt worden. Am 7. Juni hätte also die Gala stattgefunden, am 8. Juni abends wäre der neue Rasen verlegt worden, und am 12. Juni hätten die Brasilianer mit ihrem Training beginnen können. Dafür war ich aber nicht zuständig, ich bin für die Show verantwortlich. Der Rasen war immer ein Problem der Fifa.

          War sich die Fifa dessen von Anfang an bewußt?

          Selbstverständlich war allen Beteiligten klar, und zwar von der ersten Sekunde an, daß zu einer Fußballweltmeisterschaft ein voll spielfähiger Rasen gehört. Die Fifa war bisher wie ich der Meinung, daß das zu schaffen ist. Am Donnerstag nun hat sie mir mitgeteilt, ihr Kerngeschäft sei nicht Kunst, sondern Fußball. Und wenn nur eine winzige Gefahr bestehe, daß die mythenumwobenen Brasilianer auf einem nicht weltmeisterlichen Rasen antreten müßten, könne die Priorität nicht auf der Show liegen.

          Es wird auch über andere Gründe spekuliert. Wie steht es mit dem künstlerischen Anspruch?

          Seit mindestens einem Jahr wußte die Fifa über den Inhalt Bescheid. Das ist eine durchaus kritische, dem Fußball mit Ironie begegnende Inszenierung. Auch die Wahrheit über den Ort wird nicht ausgespart. Hitlers Olympiastadion, der Schauplatz für Leni Reifenstahls Olympiafilm. Wir wollten keine Hofberichterstattung. Die Fifa wußte das. Am Inhalt der Show lag es garantiert nicht.

          Und an der Finanzierung?

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