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Fußball-Trainer : Wer verliert, fliegt raus

  • -Aktualisiert am

Ewald Lienen: „Üble Kampagne” Bild: ap

Beim Gastspiel des 1.FC Köln in Rostock könnte sich auch die berufliche Zukunft der Trainer Friedhelm Funkel und Ewald Lienen entscheiden.

          3 Min.

          In manchen Situationen sind Fußball-Lehrer wahre Verdrängungskünstler. So behauptet Friedhelm Funkel, er habe „absolut keine Erinnerung“ an den 5. März 1999.

          Damals besiegte er als Trainer des MSV Duisburg den Bundesliga-Gegner Hansa Rostock mit 4:1. Der Rostocker Übungsleiter Ewald Lienen wurde am Tag danach gekündigt. Heute ist, Ironie des Schicksals, Funkel Trainer in Rostock. Am Sonnabend spielt sein Verein gegen den 1. FC Köln, der von Lienen trainiert wird.

          Wer verliert, fliegt raus, heißt es

          Glaubt man den Indizien aus beiden Lagern, dürfte eine Niederlage für beide Übungsleiter das vorzeitige Ende ihrer Tätigkeit bedeuten. „Ewald und ich“, sagt Funkel in düsterer Vorahnung, „haben ein gemeinsames Problem: Wir leisten zwar beide gute, vielleicht sogar vorzügliche Arbeit, aber es wird doch nur auf die Punkte geschaut.“

          Friedhelm Funkel: „Gemeinsames Problem”

          Die Tabelle verdeutlicht den Ernst der Lage. Köln (Platz 15) hat nur acht Zähler, Hansa (Vorletzter) deren sechs. Sowohl am Rhein als auch an der Ostsee hat sich längst die Boulevard-Presse auf die Trainer eingeschossen. Beide sprechen von einer „üblen Kampagne“.

          Ungeduld statt Aufbauarbeit

          Und sie ärgern sich unisono über die wachsende Ungeduld der Vereinsoberen. „Früher haben Trainer auch zwei Jahre Zeit bekommen, ihre Mannschaft und ihr System zu finden. Heute wird nach zwei Niederlagen gleich alles in Frage gestellt“, sagt Funkel. Lienen beklagt, „dass in Deutschland der Abstieg als schlimmster aller denkbaren Fälle angesehen wird“.

          Weil das so sei, entwickle sich keine Spielkultur. In Köln wird längst nicht mehr honoriert, dass er mit jungen Profis und moderner Spielweise ein Ensemble für die Zukunft aufbauen will - passend zum künftigen neuen Stadion. Die Aktualität lautet: „Lienen raus“-Rufe nach dem jüngsten 0:4 gegen Wolfsburg, das Team soll in Grüppchen zerfallen sein.

          Schutzreflex gegen Boulevardblätter

          Auch der souveräne Aufstieg vor 16 Monaten scheint vergessen. „Ohne Konzept dem Abgrund entgegen“ titelte der seriöse Kölner Stadtanzeiger, für „Bild" ist nur noch die Frage: „Wann fliegt Lienen?“ Ähnliches erlebt Funkel bereits seit Wochen. „Ich lese das alles nicht mehr“, sagt er. „Bestimmte Gazetten gibt es für mich gar nicht“, betont Lienen.

          Diesen Schutzreflex hatte er schon zu Rostocker Zeiten, denn auch hier geriet er am Ende ins Visier der Kritiker. Was aber nichts daran ändert, dass sein Ruf an der Ostsee nach wie vor gut ist. Wenn die Fans heute „Fußball statt Funkel“ rufen, erinnern sie damit auch an Lienen.

          Abstiegskandidaten und Bundestrainer-Aspiranten

          Unter Lienen spielte Hansa einen technisch versierten Fußball, Marko Rehmer und Oliver Neuville wurden zu Nationalspielern und Transfererfolgen für den Verein. Persönlich schaffte es Ewald Lienen, wie Funkel 47 Jahre alt, sogar bis auf die Liste der Bundestrainer-Aspiranten.

          In vielen Dingen sind sie sich so ähnlich, die beiden Fußball-Lehrer, denen nachgesagt wird, sie würden sich nicht sonderlich mögen. Nicht erst, seit Funkel gesagt hat: „Mit Ewald Lienen wäre Hansa abgestiegen, wenn sie ihn nicht entlassen hätten.“

          Lienen und Funkel - Brüder im Geiste

          Doch sowohl der intellektuelle Querdenker Lienen als auch der akribische Arbeiter Funkel gelten als eigenbrötlerisch und kompromisslos. Beide sind weder Abzocker noch Glücksritter, was sie sympathisch macht. Aber beiden haftet der Ruf an, im zweiten oder dritten Jahr bei einem Bundesligaverein nicht mehr viel bewegen zu können.

          Und in gewisser Weise, könnte man vermuten, scheint beiden die raue Ostsee-Luft nicht sonderlich gut zu bekommen. Funkel legt sich regelmäßig mit Schiedsrichtern an und wird auf die Tribüne geschickt. Unvergessen ist auch, wie der damalige Hansa-Trainer Lienen vor drei Jahren Schiedsrichter Dardenne die Rote Karte aus der Hand reißen wollte.

          "Wir müssen die Kölner auffressen"

          Jetzt aber, vor einem für die berufliche Zukunft entscheidenden Spiel, geben sich beide Übungsleiter demonstrativ gelassen. Lienen übte sich in den letzten Tagen verstärkt in Plattitüden und verweigerte jeden noch so unverfänglichen Kommentar über seinen ehemaligen Klub Hansa.

          Funkel sagt: „Ich lasse mich nicht nervös machen.“ Tief in den beiden aber brodelt es, ohne Zweifel. So richtig deutlich wurde das in einer Teamsitzung bei Hansa Mitte der Woche. „Wir müssen die Kölner auffressen“, hat Funkel seinen Profis gesagt. Worte, die man nur vor besonderen Anlässen verwendet. Und Spielen, die unvergesslich bleiben. So oder so.

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