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Fußball : Pagelsdorf-Rauswurf hinterlässt viele Verlierer

  • -Aktualisiert am

Betroffen: Frank Pagelsdorf Bild: dpa

Die Entlassung von Frank Pagelsdorf als Trainer des Hamburger SV hinterlässt nur Verlierer: allen voran Vereinsboss Werner Hackmann.

          3 Min.

          Es gab niemanden, den nicht ein komisches Gefühl beschlich, als Interims-Coach Holger Hieronymus am Dienstagmorgen um zehn Uhr die Profis des Hamburger SV zum ersten Training nach dem sentimentalen Ende der Ära Frank Pagelsdorf bat.

          Der Trainer hatte nach seiner Verabschiedung vor der Mannschaft tiefe Ringen unter den Augen. In fast allen Gesichtern spiegelte sich die Gemütslage der Spieler wider, die Stimmung war so niedergeschlagen wie bei einer Beerdigung. Nur einer lachte fast provozierend offen: Milan Fukal.

          Milan Fukal lachte

          Der Tscheche, vergangene Saison für 5,7 Millionen Mark von Sparta Prag verpflichtet, aber unter Pagelsdorf nur Bankdrücker, erhofft sich durch den Trainerwechsel eine neue Chance. Die meisten anderen wirkten niedergeschlagen. „Ich bin unglücklich über die Entscheidung“, erklärte der von Pagelsdorf stets gefördferte Segej Barbarez. „Der angebliche große Druck wurde von außen mit dem Sechs-Punkte-Ultimatum aufgebaut“, lästerte Torwart Martin Pieckenhagen. Kapitän Nico Hoogma: „Ich kann das so nicht nachvollziehen.“

          Interimstrainer: Holger Hieronymus
          Interimstrainer: Holger Hieronymus : Bild: dpa

          Um die Köpfe „durchzulüften“ beorderte Vorstand Hieronymus, der mit den drei bisherigen Co-Trainern vorerst die Leitung der Mannschaft übernimmt, die Spieler eine Stunde in den Wald zum Ausdauerlauf. Im „Rantzauer Forst“ von Henstedt-Ulzburg, nördlich von Hamburg gelegen, konnte das Team in aller Abgeschiedenheit über seine Mitschuld am Trainer-Rauswurf sinnieren.

          Nico Hoogma fühlt sich schuldig

          „Für Pagelsdorf tut es mir unglaublich leid“, meinte Kapitän Nico Hoogma, „auch die Mannschaft hat Verantwortung für diese Situation, ich fühle mich schuldig.“ Für Erik Meijer ist der Schritt der HSV-Führung eine logische, aber zugleich einfache Konsequenz: „Es ist immer leichter, das schwächste Glied zu entlassen als 25 Spieler.“

          1540 Tage „regierte“ Pagelsdorf in Hamburg (länger war mit sieben Jahren nur Ernst Happel im Amt), aber seine Bilanz ist nur durchschnittlich, abgesehen von Platz drei in der Saison 1999/2000. Aus den letzten 17 Spielen holte er nur drei Siege, zehn Unentschieden und vier Niederlagen. Zu wenig für einen Club mit höheren Ansprüchen und einem Gehaltsniveau von 42 Millionen Mark.

          Werner Hackmann wirkt angeschlagen

          Allerdings: Wie der Rauswurf zustande kam, wirft ein schlechtes Bild auf den gesamten Verein. Und auf den Club-Chef. Werner Hackmann, Vorsitzender und DFB-Ligapräsident, hatte sich direkt nach dem Remis gegen Mönchengladbach unmissverständlich festgelegt, dass Pagelsdorf auch gegen Bremen noch auf der Bank sitzen würde, und dass, obwohl er zuvor sechs Punkte aus den zwei Heimspielen gegen Gladbach und Bremen gefordert hatte.

          Sein Umfallen begründete Hackmann damit, dass er die Lage falsch eingeschätzt habe. Und Hieronymus sagte: „Wir mussten feststellen, dass der Druck auf das Team und den Trainer immer größer wurde. Dadurch sind wir sehr nachdenklich geworden. Wir müssen jetzt versuchen, diese Last von der Mannschaft zu nehmen.“

          Aufsichtsrat mischte sich ein

          Die Art der Trennung zeigt aber auch, wie massiv - wieder einmal - sich der mächtige Aufsichtsrat ins operative Geschäft eingemischt hat. Die Kontrolleure waren geschlossen für einen Rauswurf, machten intern Druck.

          Honorige hanseatische Geschäftsleute und Fußballfans im Aufsichtsgremium waren an der Entlassung direkt beteiligt - das erklärt auch, warum der Hamburger SV vorerst nur eine unvorbereitet wirkende Hilfskonstruktion mit Hieronymus als „Teamchef“ einsetzt.

          Kasse durch Abfindung belastet

          Als Hackmann am Montag um 19.15 Uhr dann Pagelsdorf von seiner Entlassung informierte, hatte der sonst als berechnend und nüchtern geltende Ex-Politiker Tränen in den Augen: „Es fiel uns menschlich nicht leicht.“

          Dies dürfte allerdings nur die halbe Wahrheit sein, denn die fehlenden vier Millionen Mark, die Hackmann nun als Abfindung zahlen muss, belasten die durch den inzwischen 200 Millionen Mark teuren Stadionneubau sowieso schon schmale Clubkasse zusätzlich. Und schon einmal, im Frühjahr 1999, war es Hackmann gewesen, der gegen die Meinung seiner Vorstandsmitglieder eine Entlassung Pagelsdorfs verhindert hatte, weil er die Kosten sparen wollte. Damals ging es um 400.000 Mark.

          Nachfolger spätestens bis zum 6. Oktober präsentieren

          Hackmann weiß: Die eigentlichen Kosten des Trainerrauswurfs werden viel höher liegen. Ob der neue Mann mit den Assistenten Armin Reutershahn, Gerd Kleimaker und Torwart-Trainer Johann Rieckhoff arbeiten möchte, ist ungewiss. Und: Der neue Coach wird neue Spieler fordern - und bekommen. Wer den Posten von Pagelsdorf beerben wird, ist indes noch völlig offen. Tatsächlich hat sich der HSV bis zum Wochenende noch nicht intensiv um einen Nachfolger gekümmert.

          Dieser soll spätestens nach dem Länderspiel von Deutschland gegen Finnland (6. Oktober) gefunden werden. Als Favorit gilt, trotz aller Dementis, Ivica Osim von Sturm Graz. Der 60-jährige Bosnier hat zugegeben, dass ihn die Bundesliga reizen würde.

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