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Fußball-Nationalmannschaft : Rudis Rekonvaleszenten

  • -Aktualisiert am

Reha-Maßnahmen im Elztal Bild: dpa

Etliche angeschlagene Spieler stehen im WM-Kader von Teamchef Rudi Völler. In der Vorbereitung mehren sich Zweifel an diesem Wagnis.

          3 Min.

          Die Aussicht ist glänzend. Zumindest wenn die Nationalspieler im feudalen Elztal-Hotel Schwarzbauernhof ihre Terrassen-Türen öffnen und auf das Naturparadies im Hochschwarzwald blicken. Die Welt scheint hier in Ordnung.

          Doch der Schein trügt. Die Aussichten sind alles andere als glänzend. Sogar Rudi Völler wirkt die Tage ungewohnt angespannt. „Im Moment passiert ein bisschen zu viel“, klagt der Teamchef. Um überhaupt ausreichend Alternativen für das Testspiel in Wales (Dienstag 20.45 Uhr/ARD) zu haben, steigen am Montag die sieben U 21-Spieler noch auch noch alle mit in den Flieger nach Cardiff.

          Kein Rüffel für Kahn

          Völler scheint dieser Tage seine angenehme Art der Gelassenheit zu verlieren. Sichtlich musste sich der 42-Jährige am Samstag beherrschen, um die völlig unmotivierte wie überflüssige „Kamikaze“-Attacke von Oliver Kahn gegen Club-Kollege Carsten Jancker nicht anzuprangern.

          Sputen für die WM vor Völlers Auge

          Verbaler Schmusekurs mit dem Kapitän, der dem ohnehin in die Schusslinie geratenen Stürmer im Training eine schmerzhafte Kapselverletzung am Knöchel zufügte. Trotz geschwollenen Gelenks hat Jancker bei den zwei Einheiten am Sonntag in Winden und Waldkirch schon wieder mitgewirkt.

          Fragezeichen bei Form und Fitness

          Jancker ist nur eines von vielen Sorgenkindern im Aufgebot. Völler vertraut einer gefährlich großen Gruppe von Rekonvaleszenten. Ein Risiko, das Auswirkungen für die WM haben wird.

          Denn es ist schon wegen der Endspieleinsätze von Borussia Dortmund, Schalke 04 und Bayer Leverkusen unmöglich den Kader einzuspielen. Nun ist es aber auch noch ausgeschlossen, über Form und Fitness von fast einem halben Dutzend Akteuren Auskunft zu geben.

          Wettlauf für Rehmer und Wörns

          „Unsere Verletzungssorgen sind deutlich kleiner geworden“, findet Bundestrainer Michael Skibbe. Damit hat er deutlich übertrieben. Bei Marko Rehmer hat sich eine Sehne am operierten Sprunggelenk entzündet. Der genaue Zeitpunkt der Genesung wird Tag für Tag nach hinten verschoben.

          Ein anderer Wackelkanidat: Christian Wörns ist bei einer Arthroskopie am Samstag entzündetes Gewebe am Meniskus entfernt worden. Rehabiliation in Dortmund, Mittwoch soll er bei der Nationalmannschaft sein. Die WM wird ein Wettlauf mit der Zeit. Die medizinische Abteilung hat alle Hände voll zu tun. Dauerpatient Sebastian Deisler etwa hat sich einen Pferdekuss eingehandelt.

          Ziege zum Check in England

          Christian Ziege lässt den medizinischen Check in England erledigen. Tottenham-Trainer Glenn Hoddle hat ihn darum gebeten. Erst seit dem Wochenende hat der 30-Jährige überhaupt ein bisschen unter Wettkampfbedingungen im Training geübt, nun soll er wie der mit dem FC Liverpool noch beschäftigte Dietmar Hamann direkt nach Cardiff kommen.

          Feinschliff erst in Miyazaki

          Auch bei Marco Bode (“Ich fühle mich erst jetzt wieder voll fit.“), Jens Jeremies oder Gerald Asamoah besteht noch mehr oder weniger großer Nachholbedarf. Optimale Vorbereitung sieht anders, das weiß auch Völler.

          „Den Feinschliff können wir uns erst in Miyazaki holen“, erklärt Völler. Nominierungsschluss bei der Fifa ist der 21. Mai, einen Tag später geht es ins WM-Quartier nach Japan. Sein Motto für die WM-Vorbereitung auf deutschem Boden: „Mehr regenerieren als trainieren.“

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          Zitat
          „Irgendwann werden sie mal ein Finale gewinnen. Das ist Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ansonsten müssen wir enger zusammenrücken und die Leverkusener aufpäppeln.“
          Jens Jeremies zur Situation der Spieler von Bayer Leverkusen
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          Von psychischen Problemen wird vor dem Hintergrund der physischen Schwierigkeiten nur beiläufig geredet. Jens Jeremies drückt aus, was viele denken: „Ich hoffe, dass Bayer Leverkusen am Mittwoch gegen Real Madrid gewinnt, um einen poisitiven Touch zur Nationalelf mitzubringen.“

          Völlers Wunsch ist ein bisschen bescheidener formuliert: „Ich wünsche mir vor allem, dass sich keiner verletzt. Das ist mein wichtigster und einziger Gedanke.“ Denn automatisch wächst der Druck auf den Teamchef, wenn er einem Team vertraut, das im wahrsten Sinne des Wortes einen angeschlagenen Eindruck macht.

          Vor 20 Jahren gab es auch Probleme

          Vielleicht muss der Blick zurück der Fußball-Nation ein bisschen Mut machen. Vor genau 20 Jahren bereitete sich die Nationalelf ebenfalls in der Nähe von Freiburg auf eine WM vor. Damals versammelte Jupp Derwall die Seinen am Schluchsee.

          Auch dort lief nicht alles wie gewünscht, allerdings waren es damals weniger zu viele Verletzte als zu viel Bier und Wein, die im Hochschwarzwald die hochprofessionelle Einstimmung auf die WM verhinderten. Ins Finale ist Deutschland 1982 trotzdem gekommen. 2002 kann sich das selbst bei einer Mannschaft mit 23 kerngesunden Kerlen kaum einer vorstellen.

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