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Fußball-Nationalmannschaft : Marco Bode und die Vergleiche mit der EM 2000

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Das EM-Desaster noch vor Augen: Marco Bode Bild: dpa

Wo steht die deutsche Nationalelf nach durchwachsener Vorbereitung kurz vor der WM? Bode vergleicht gegenüber FAZ.NET mit der EM 2000.

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          Fußball-Deutschland war am Boden und Marco Bode mittendrin. Zumindest bildlich. Denn das Bild Bodes, der mit einer Trinkflasche auf dem Rasen in Rotterdam hockte, ging nach dem 20. Juni 2000 um die Fußball-Welt. Das Symbol für das ernüchternde EM-Aus. „Das habe ich nicht vergessen.“

          Und doch ist die Szene aus dem Juni 2000 geeignet, um zwei Jahre später Mut zu machen. „Es gab viele Spieler, die Zweifel hatten“, gesteht der Bremer gegenüber FAZ.NET rückblickend ein. „Nur wir haben das erst nach dem Turnier begriffen.“ Heute sei die Situation mit damals nicht zu vergleichen: „Nun ist viel mehr Optimismus in der Mannschaft.“ Daran ändert ein 0:1 in Wales wenig.

          „Fußball ist schnelllebig“

          Bode ist keiner, der gerne schwarz-weiß malt. Er, der etwas andere Profi aus Bremen, der 379 Bundesliga-Spiele allesamt für einen Verein bestritten hat, sieht die Sache gerne differenzierter.

          Harmoniemensch: Marco Bode

          Sein Leitspruch: „Fußball ist ein schelllebiges Geschäft.“ Und deshalb bitte keine vorschnellen Urteile. Eine Betrachtung, die sich auch für die DFB-Auswahl während einer durchwachsenen WM-Vorbereitung anbietet. Es nicht alles gut nach dem torreichen Freudenfest von Freiburg und nicht alles schlecht nach dem ernüchternden Crash in Cardiff.

          Bedingte Erkenntnisse in der Vorbereitung

          Bodes Argumente: „Auch 1996 haben wir gegen Nordirland nur 0:0 gespielt und sind hinterher Europameister geworden.“ Die richtungsweisenden Winkelzüge im Mannschaftsgefüge in der Vorbereitung zu erkennen, fällt selbst dem passionierten Schachspieler schwer. Bode: „Vorher lässt sich nur schwer etwas erahnen. Von einer Revolution gegen Erich Ribbeck habe ich beispielsweise in der Vorbereitung 2000 nicht viel mitbekommen.“

          Bode lobt nun das ausgegebene Gruppengefühl unter Rudi Völler. Und gibt für die WM einfache Ziele aus. „Irgendwie müssen wir das Pflichtprogramm in den Gruppenspielen überstehen. Dann ist der schlimmste Druck weg.“ Und das sei für eine Fußball-Nation wie Deutschland besonders wichtig.

          „Flexibler Dienst im nationalen Auftrag“

          Im ernüchternden Testspiel in Cardiff hat Bode wieder Dienst im nationalen Auftrag verrichten. „Ich war ja endlich wieder fit“, sagt er, der eigentlich auch zu der gefährlich großen Gruppe der Rekonvaleszenten zählt.

          Die letzten Bundesliga-Spiele bestritt er gar nicht oder unter Schmerzen. Erst war das Sprunggelenk lädiert, dann schmerzte die Kniekehle. Bode ist einer unter vielen: Die Fitness ist wieder da, die Form noch nicht.

          Es war für den 32-Jährigen das 33. Länderspiel, benötigt irgendwo zwischen linker Außenbahn und Sturm. Christian Ziege ist erst auf dem Wege der Besserung, Jörg Böhme ausgebootet. Bode kam nach 63 Minuten für Ziege. Genauso sieht er sich aber auch als Alternative im Angriff, wovon in Cardiff ein Kopfball an den Pfosten zeugte.

          Der kleine Unterschied

          Ein Pfostentreffer bei der verdammt verkorksten EM 2000 verschaffte ihm im finalen Gruppenspiel gegen Portugal Berühmtheit. „Wenn der Schuss reingeht, hätten wir vielleicht das Turnier noch eine Wende nehmen können“, glaubt Bode.

          Aus seinen Beschreibungen von Pech und Glück in entscheidenden Spielen wird deutlich: Der Unterschied zwischen EM-Gewinnern 1996 und EM-Versagern 2000 ist geringer als die Öffentlichkeit glaubt.

          WM als Höhepunkt

          Die WM 2002 wird sein letzter Auftritt im Nationaldress sein. Und wahrscheinlich auch der Schlussstrich als Fußballprofi. Beim SV Werder wurde er schon verabschiedet, zu einem anderen Bundesligisten geht er nicht, aber möglicherweise ins Ausland.

          „Es gibt ein paar Anfragen.“ Die Sache mit einem Kurzengagement bei seinem Freund Rune Bratseth im norwegischen Trondheim hat sich zerschlagen, es bleibt der bislang unverwirklichte Traum, in England zu spielen. „Ich entscheide in ein paar Wochen.“

          Erst einmal zählt sein erstes WM-Turnier. „Mein Ziel ist es, im ersten WM-Spiel dabei zu sein“, sagt Bode selbstbewusst. „Ich muss es dem Trainer schwer machen, mich nicht aufzustellen“, sagt einer, dessen letztes Länderspiel vor dem Kurzeinsatz in Cardiff vom 15. August 2001 datierte (5:2 gegen Ungarn).

          Prototyp des von Völler geschätzten Profis

          „Ich war vor wenigen Wochen ja gar nicht sicher, ob ich dabei bin“, gibt Bode zu. Doch vorsorglich hatte er seinen Urlaub ohnehin erst für Juli gebucht. Völler weiß er, was er an Bode hat. Der Bremer ist der Prototyp Profi, den der Ex-Bremer schätzt: Eher leise als laut, in der Gruppe als Mensch leicht zu integrieren und als Fußballer flexibel.

          Bode ist auf dem Platz vielseitig einsetzbar, außerhalb des Platzes steht er für Gemeinsinn und Harmonie. „Ich habe als Bremer aber keinen Bonus“, versichert der Abiturient.

          Rehhagel prägt Völler

          In der abgelaufenen Bundesliga-Saison hat er zwar 31 Einsätze und 7 Tore zu Buche stehen, doch die Leistungen waren durchwachsen. Im Fachmagazin „kicker“ erreichte er die Durchschnittsnote 3,8 - nicht gerade ein Nachweis, der für eine Berufung in die DFB-Auswahl taugt.

          Doch nicht allein die Leistung zählt. „Wir funktionieren nicht nur als Zweckgemeinschaft“, predigt Völler. „Kann sein, dass ihn da Otto Rehhagel geprägt hat“, vermutet Bode, der für die Nationalelf einen Leitspruch aus der Gestalttheorie zitiert. „Das Ganze ist mehr, als die Summe der Einzelteile ergibt.“

          Bedeutet für Deutschland bei der Fußball-WM: Das Kollektiv der Kicker muss fehlende Klasse der Einzelspieler - Ausnahme Oliver Kahn - kompensieren.

          Gemischte Gefühle

          Nicht nur in sportlicher Hinsicht sorgt sich Bode ein bisschen wegen der WM. „Es ist ungewohnt, so lange von meiner Familie getrennt zu sein. Meine kleine Tochter kann danach bestimmt Dinge, die ich ihr noch gar nicht zutraue.“

          Kerstin, langjährige Lebensgefährtin, und die 15 Monate alte Tochter Luca-Sophie, sollen, wenn überhaupt, erst bei einem Umzug nach Südkorea für ein paar Tage nachreisen. Dafür müsste Deutschland die Gruppenspiele überstehen.

          Bode: „Aber genau weiß ich das noch nicht. Das ist ja ein großer Aufwand.“ Und bei einem frühen Scheitern in Fernost womöglich gar nicht nötig.

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